Russische Künstler treten bei den Bayreuther Festspielen auf

Opernfestspiele : Russische Nächte auf dem Grünen Hügel

Die Sopranistin Anna Netrebko und der Dirigent Valery Gergiev treten in diesem Sommer erstmals bei den Bayreuther Festspielen auf.

Auch in der angeblich überraschungsfreien Welt der Klassik gibt es den Spezialfall des Entdeckers. Er hat im richtigen Moment das richtige Ohr für einen jungen Künstler, so wie der große Pianist Friedrich Gulda, der das Genie der jungen argentinischen Pianistin Martha Argerich im richtigen Moment beförderte; und es war dann ihrerseits Martha Argerich, die dem Kollegen Ivo Pogorelich dadurch höchste Bekanntheit verschaffte, dass sie beim Chopin-Klavierwettbewerb 1980 in Warschau einmal sehr wütend wurde: Pogorelich hatte von den Jurykollegen nicht die Zulassung fürs Finale bekommen, worauf La Martha öffentlichkeitswirksam zürnte und Pogorelichs Weltkarriere begann.

So ähnlich war es bei der jungen und namenlosen Sopranistin Anna Netrebko, die in dem russischen Dirigenten Valery Gergiev ihren ersten wichtigen Fürsprecher fand; das gleiche Glück mit Gergiev ereilte auch den mittlerweile als Weltstarpianisten gehandelten Daniil Trifonov. Bei den Bayreuther Festspielen debütieren Netrebko und Gergiev nun zeitgleich, allerdings nicht in der derselben Produktion. Netrebko wird in „Lohengrin“ die Elsa singen, allerdings nur in zwei Vorstellungen und unter dem Vorbehalt, dass sie das Wagner-Deutsch, wie sie neulich in einem Interview sagte, nur schwer in den Kopf bekomme. Man sollte nicht genau hinhören, was sie singt.

Gergiev dagegen bekommt eine ganze Produktion, und zwar den neuen „Tannhäuser“, den Tobias Kratzer inszenieren wird. Das war zu erwarten, denn Gergiev ist mittlerweile einer der Global Player in der Klassikwelt, ein Allrounder mit fünf Handys in der Hosentasche, zugleich ein irrlichternd-nervöser Derwisch, der sein Orchester mit finsterem Blick und neuerdings mit einem Bleistift als Taktstock befehligt. Dieser Tage sah man ihn beim Klassik-Open-Air am Münchner Odeonsplatz, wie er mit Trifonov Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert imperialisierte, danach machte er Beethovens Fünfte zu einem brütend-schicksalhaften Cinemascope-Ereignis.

Gergiev, der neben seinem Chefposten beim Petersburger Mariinski-Theater die Münchner Philharmoniker leitet, ist für seine unkonventionellen Lesarten von Partituren berühmt und auch berüchtigt. Seine Neuaufnahme von Tschaikovskis Sechster, der „Pathétique“, nimmt sich stellenweise so viel Zeit, dass der Fluss ins Stocken gerät; anderswo zieht er das Tempo dermaßen an, als sei eine neuschwänzige Katze hinter ihm her.

Sorgen muss sich Gergiev allerdings nie machen, denn er selbst hat den besten und mächtigsten Fürsprecher, den man sich wünschen kann: Wladimir Putin, dessen ergebener Lieblingsmaestro Gergiev ist. Bei jeder Gelegenheit lobt Gergiev den russischen Staatspräsidenten, als wolle er irgendwann Sergei Lawrow beerben.

Und was macht Katharina Wagner noch so? Um die schillernde Herrin am Grünen Hügel ist es ein wenig ruhig geworden, was allerdings ihrem Arbeitsalltag geschuldet ist. Wie sie jetzt in einem Interview sagte, habe sie so unendlich viel zu tun, dass sie den Kopf aus dem Festspielhaus kaum noch herausbekomme. „Das Arbeitsaufkommen hat sich gegenüber früheren Jahren vervielfacht“, gestand sie. Nicht einmal am Eröffnungstag sei sicher, dass sie sich dem Publikum zeigen könne: „Dieser Tag ist einer der schwierigsten, weil man sich aufteilen muss zwischen dem Festspielhaus und der Kinoübertragung, die ich mitmoderiere. Es ist eine Frage der permanenten Abwägung, was gerade dringlicher ist. Wie man es macht, ist es falsch.“

Wie man vom Hügel hört, soll Tobias Kratzers „Tannhäuser“-Inszenierung derart komödiantisch und doch hintersinnig werden, dass sich Katharina Wagner die Produktion hinterher auf ihre Habenseite schreiben könnte. Aber abwarten: Die Rechnung wird niemals ohne die in Bayreuth anwesenden Wagnerianer im Publikum gemacht, die bekanntlich Sittenstrenge mit Humorlosigkeit verbinden.

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