Kasseler Weltkunstschau bleibt in der Kritik Eklat schadet der Documenta

Kassel · Die Findungskommission für die Documenta 16 im Jahr 2027 ist vollständig zurückgetreten. Grund sind Antisemitismusvorwürfe gegen eines der Mitglieder, das sich bereits zuvor zurückgezogen hatte.

Proteste auf der vergangenen Documenta vor dem teilweise verhüllten, großflächigen Banner mit der antisemitischen Figurendarstellung „People·s Justice“. (Archiv)

Proteste auf der vergangenen Documenta vor dem teilweise verhüllten, großflächigen Banner mit der antisemitischen Figurendarstellung „People·s Justice“. (Archiv)

Foto: dpa/Swen Pförtner

Bereits die vorige Ausgabe der Weltkunstschau Documenta vor einem Jahr hatte mehr durch den Vorwurf des Antisemitismus, der gegen sie erhoben worden war, von sich reden gemacht als durch ihr künstlerisches Angebot. Jetzt wirft die nächste Documenta im Jahr 2027 einen Schatten voraus. Wiederum geht es um Antisemitismus, wiederum gibt es einen Eklat. Die Kommission, welche die Künstlerische Leitung der Documenta auswählen soll, ist komplett zurückgetreten.

Nachdem sich zuvor bereits zwei Mitglieder zurückgezogen hatten, legten nun auch die verbliebenen vier ihr Mandat nieder. Simon Njami, Gong Yan, Kathrin Rhomberg und María Inés Rodríguez erklärten ihren Schritt so: „Unter dem Eindruck der Terrorattacken der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland sowie den polarisierten Debatten darum ist der Arbeitsprozess der Findungskommission (...) in den vergangenen Wochen immer mehr unter Druck geraten.“

Die Auseinandersetzung hatte sich entzündet an einer Petition der BDS-Bewegung, die der indische Schriftsteller Ranjit Hoskoté im Jahr 2019 zusammen mit anderen unterschrieben hatte. Israel, so hieß es darin, sei ein „siedlerkolonialistischer Apartheidstaat“ und strebe in den Palästinensergebieten eine ethnische Säuberung an. Hoskoté forderte damals, den indischen Kampf „für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit“ mit dem der Palästinenser zu vereinen und Israel zu boykottieren. Als die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich den Fall aufgriff, trat Hoskoté aus der Findungskommission der Documenta aus. Deren Geschäftsführer Andreas Hoffmann verlangte von ihm Distanzierung von der einstigen Unterschrift, Hoskoté lehnte das ab.

Zuvor war bereits die 75-jährige israelische Künstlerin und Philosophin Bracha Lichtenberg Ettinger aus der Kommission ausgetreten. Sie betonte allerdings, mit Hoskoté habe das nichts zu tun. Nach Informationen des „Spiegel“ hatte Ettinger vor ihrem Rücktritt „offenbar vergeblich darum gebeten, die Entscheidungsfindung angesichts der Situation im Nahen Osten zu verschieben und sich dann entschlossen, aus dem Gremium ausscheiden zu wollen“.

Wie bei der Auseinandersetzung um die vorige Documenta ist auch diesmal Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf den Plan getreten. Damals suchte sie sich rasch aus der Affäre zu ziehen, obwohl sie an herausgehobener Stelle Verantwortung trug. Immerhin förderte die Kulturstiftung des Bundes die mit einem Gesamtetat von mehr als 40 Millionen Euro ausgestattete Kunstschau mit 3,5 Millionen Euro. Zu sehr hatte die seinerzeit noch Amts-unerfahrene Ministerin sich darauf verlassen, dass die Leitung der von der Stadt Kassel und dem Land Hessen betriebenen Documenta gGmbH schon alles im Griff habe.

Diesmal hat Claudia Roth entschiedener reagiert. Die von Hoskoté unterzeichnete Erklärung sei „ganz klar antisemitisch und strotzt vor israelfeindlichen Verschwörungstheorien“. Eine finanzielle Beteiligung des Bundes werde es für die nächste Documenta nur dann geben, „wenn es einen gemeinsamen Plan und sichtbare Reformschritte hin zu klaren Verantwortlichkeiten, einer echten Mitwirkungsmöglichkeit für den Bund und Standards zur Verhinderung von Antisemitismus und Diskriminierung gibt“.

Zuerst muss nun die Findungskommission neu besetzt werden. Schon jetzt, vier Jahre vor Beginn, hat die Documenta 16 durch den Eklat Schaden erlitten. Es sind Köpfe erforderlich, die sich klar von der immer noch oft lediglich als „umstritten“ bezeichneten BDS-Bewegung distanzieren, von „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“. Diese auch in Deutschland wirkende internationale Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will, um ihre 2005 beschlossenen Ziele durchzusetzen, passt nicht in ein Land, dessen politische Vertreter zum Glück mehrheitlich nicht müde werden, sich zur historischen Verantwortung für die Sicherheit Israels zu bekennen.

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