Rückkehr der Lesezirkel

Literaturclubs: Das Lesen der Anderen

Emma Watson hat einen, Reese Witherspoon auch, und sogar in Hollywood-Filmen sind Literaturclubs schon angekommen: Warum Lesen in Gemeinschaft ein besonderes Erlebnis ist – gerade im digitalen Zeitalter.

Emma Watson liest gerade feministische Poesie. Doch ist das für die britische Schauspielerin, die einst als schlaue Hermine aus der Harry-Potter-Zauberwelt berühmt wurde, kein Privatvergnügen. Watson unterhält den virtuellen Buchclub „Our Shared Shelf“. Im Internet schreibt sie über Bücher, die ihr wichtig sind, und fordert Menschen dazu auf, ihre Meinung mit ihr zu teilen. Sie selbst verfasst Rezensionen in persönlichem Ton, schreibt etwa aktuell über die Gedichtsammlung „Milch und Honig“ der indisch-kanadischen Autorin Rupi Kaur, dass deren Poesie nicht versuche, Bedeutung zu verschleiern, sondern zuschlage wie ein Fausthieb. Gerade weil die Autorin in lyrischer Sprache von harten Wahrheiten wie ihren eigenen Missbrauchserfahrungen berichte.

Watson ist seit vier Jahren UN-Botschafterin für Frauen- und Mädchenrechte, ihre Buchempfehlungen stammen aus diesem Themenfeld, der Austausch über Bücher dient also auch der Pflege ihres Images als belesene Oxford-Absolventin mit feministischem Anliegen. Trotzdem kann man bei ihr spannende Titel entdecken.

Auch Hollywood-Star Reese Witherspoon liest öffentlich. Allerdings tauscht sie sich über das soziale Netzwerk Instagram mit ihren Fans aus – sie empfiehlt Unterhaltungsromane mit verspielten Covern, bei denen romantische Gefühle nicht zu kurz kommen dürften. Buchclubs zu gründen, scheint also ein neues Mittel der Selbstdarstellung. Zeig mir, was du liest, und ich ahne, wer du bist. Oder zumindest sein willst. In der virtuellen Welt sind die Grenzen zwischen Empfehlung, Vermarktung und Selbstvermarktung fließend – das gilt auch für die Darstellung der Lesevorlieben.

Analog dagegen leisten Literaturkreise mehr als den Austausch von Tipps, Kritik, Images. Wer miteinander liest, sich in Pfarrheimen, Wohnzimmern, Bibliotheken, Buchläden darüber austauscht, wie er Texte verstanden hat, lässt sich darauf ein, Geschichten aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten. Wenn Leser ihre Erfahrungen teilen, teilen sie auch ihre Sicht auf die Welt, ihren Zugang zu Literatur, ihre Art, Geschichten nachzuvollziehen und sich in Figuren zu versetzen.

Das fanden Menschen bereits in der Antike reizvoll. Schon die Griechen lasen einander in größerer Runde vor. Doch erst mit der Aufklärung dienten Lesezirkel nicht nur der gemeinschaftlichen Erbauung, sondern verstärkt der intellektuellen Reifung und der politischen Diskussion. Bürgerliches Selbstbewusstsein ist auch in Literaturkreisen entstanden.

Etwas davon schwingt auch heute noch mit, wenn Menschen Literaturkreise ins Leben rufen, sich damit auch verpflichten, ein gewisses Lesepensum zu absolvieren und den angemessenen Austausch zu pflegen. Uwe Holler leitet seit vielen Jahren einen solchen Lesekreis, der in der Evangelischen Kirchengemeinde in Düsseldorf-Unterrath entstanden ist und heute in der katholischen Bücherei in Düsseldorf-Lichtenbroich tagt. Gerade lesen die zwölf Teilnehmer Marion Poschmanns „Kieferninsel“, ein poetisches Buch, das nach Japan führt. „Ich bin jedesmal fasziniert, wie unterschiedlich Menschen auf denselben Text reagieren“, sagt Uwe Holler. Das macht für ihn den Reiz der Lesetreffen aus. Und natürlich auch, dass meist nicht nur über die Literatur gesprochen wird, sondern auch über Lebenswege, Erfahrungen, Erinnerungen. Bis zu seiner Pensionierung hat Holler die Bibliothek von Duisburg geleitet – und hatte kaum Zeit, aus privaten Vorlieben zu lesen. Inzwischen hat er dafür mehr Zeit. „Lesen eröffnet die Möglichkeit, mehr als das eigene Leben zu erleben“, sagt Holler. Darum liest er. Und darum ist er am Lesen der Anderen interessiert.

Barbara Ming liest nicht nur, sie schreibt auch. Darum ist sie seit Jahrzehnten Mitglied, inzwischen auch Leiterin der Autorengruppe Era in Ratingen. In diesem Literaturkreis treffen sich ausschließlich Menschen, die selbst schreiben. Sie tragen eigene Texte vor, bekommen das Feedback anderer, die das Ringen mit Worten, Geschichten, den Rhythmen von Sprache kennen. „Autoren sind Mimosen“, sagt Ming, „viele, die zu uns kommen, haben lange allein an ihren Texten gearbeitet. Sich in der Autorengruppe der Kritik auszusetzen, macht wieder geschmeidiger.“ Schreiben wie Lesen sind im Prinzip einsame Tätigkeiten, führen in Oasen des Rück­zugs aus einer umtriebigen Welt.

Doch ist Sprache auch für den Austausch gedacht. Vielleicht ist das der anhaltende Reiz der Literaturkreise: Sie verteidigen das Recht auf Rückzug in Welten, die nicht digital animiert sind, sondern allein durch das trockene Wort geschaffen werden. Und zugleich befreien sie den Leser aus seiner selbstgewählten Einsamkeit, eröffnen ihm Lebens- und erfahrungsgesättigten Austausch.

Kein Wunder, dass das auch für Hollywood attraktiv ist. Der Film „Book Club“, der am 13. September in die Kinos kommt, erzählt von vier Frauen, die ihre Leseleidenschaft seit Jahren verbindet. Inzwischen sind Vivian (Jane Fonda), Diane (Diane Keaton), Carol (Mary Steenburgen) und Sharon (Candice Bergen) über 60, sie genießen ihr Leseritual – bis eine den erotischen Roman „Fifty Shades of Grey“ in den Zirkel einschleust. Ein Schundroman, ausgerechnet! Doch aus Abwehr wird Neugier – bald stimuliert das Buch die Frauen zu eigenen amourösen Abenteuern.

Literatur hat das Zeug, das Leben zu durchdringen. Lesezirkel sind ein sehr guter Ort, diese Erfahrung zu teilen.