1. Kultur

RP-Umfrage: Was für die Menschen heute noch der Bürger ist

Was ist ein Bürger? Leser antworten : Bei der Brüderlichkeit hapert es noch manchmal

Was ist ein Bürger? Was könnte er sein? Was sollte er sein? Zu diesen Fragen haben sich viele Leser nach unserem Aufruf beteiligt mit anregenden Beiträgen.

Wir alle haben eine Meinung dazu, was ein Bürger ist. Was ihn ausmacht oder wozu er überhaupt nütze sein könnte. Dementsprechend zahlreich und vielfältig waren Beschreibungen eines sogenannten Bürgers, zu denen wir unsere Leser nach einer „bürgerlichen“ Berichterstattung aufgerufen hatten.  In dem Artikel versuchten wir, dem Phänomen historisch, kulinarisch, politisch und polemisch auf die Schliche zu kommen. Ein Sammelsurium von Ideen also aus verschiedenen Blickwinkeln – das vom Kleinbürger, Spießbürger bis hin zum viel gerühmten und inzwischen viel beschworenen Bildungsbürger reicht.

Ganz ähnlich waren auch die vielen Leserzuschriften, die uns jetzt dazu erreichten. Sie waren erhellend, gelegentlich umfangreich, manchmal auch witzig und stets anregend.

Nach Meinung von Conny Schneider  sei der Bürger „eine freie, dem Gemeinwohl der Gesellschaft verpflichtete Person in einem freien Staat“. Die Mönchengladbacherin Dorothee Spelberg verbindet mit dem Wort „Bürger“ immer noch den guten, alten „citoyen“, der nach wie vor den Zielen der französischen Revolution verpflichtet sei: also Liberté, Égalité, Fraternité. Bei Freiheit und Gleichheit, so schreibt sie uns, „sind wir ja seitdem ein großes Stück vorangekommen, bei der Brüderlichkeit hapert es manchmal, was den Umgang mit unseren Mitbürgern angeht. Sehr positiv ist die große Hilfsbereitschaft bei Katastrophen (vgl. Hochwasser), sehr negativ sind die im Internet kursierenden Beleidigungen (sogenannte shitstorms).“

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Eine etwas kritischere Sicht auf Bürger und Bürgertum übt Werner Schweer aus Dinslaken. Für ihn sind bürgerliche Eigenschaften heutzutage unter anderem „die fürchterlichen, zu viel Platz einnehmenden, übermotorisierten SUV“. Und möglicherweise ist es auch die bedenkliche Haltung, „dass jeder alle Freiheiten hat, Pflichten häufig nicht mehr zählen und Verantwortung bei den Anderen verortet“ wird. Martin Mönikes sieht im Bürger eher einen Pfeiler der Gesellschaft, wenn er ihm attestiert, dass dieser die „notwendige Staatsgewalt akzeptiert und im Gegenzug umfassende Sicherheit erwartet“. Ähnlich positiv und ideell sieht es Herr Baumeister: „Ein ,Bürger’ ist ein Mensch, der ,aufrecht’ durch alle Lebensumstände für sich und Gerechtigkeit gegen Jedermann/Frau übt!“

Eine ganze Kette an Assoziationen hat unser Aufruf bei Ulrike Edel ausgelöst. Sie belegt den Bürger mit sehr verschiedenen Alltags-Attributen. Danach ist er traditionsbewusst und manchmal auch spießig, bildungsnah, aber nicht übermäßig gebildet, er weiß Qualität zu schätzen, „trägt aber nicht gerade Armani“, er sucht vielleicht auch mal ein Abenteuer, will dabei „aber nicht die Sicherheits- und Komfortzone verlassen“. Außerdem sei der Bürger jemand, der seinen Kontostand genau kennt, sich darüber freut, aber keineswegs damit laut  prahlt.

Womit wir im bunten Reigen unserer Definitionsversuche fast wieder am Beginn angelangt wären. Bleibt nur noch die Perspektive des vermeintlichen Bürger-Nachwuchses, worauf uns Janine Deckers aus Nettetal aufmerksam macht: „Bürgerlichkeit ist der Zustand, in dem sich Eltern in den Augen ihrer meist erwachsenen Kindern befinden.“