London: Ringo Starr – mit 70 fast jugendlich

London: Ringo Starr – mit 70 fast jugendlich

Eine Begegnung mit dem Ex-Schlagzeuger der legendären Beatles in seinem Londoner Studio. Mit der All-Starr-Band geht er im Sommer auf Europatournee und spielt auch vor Publikum in Düsseldorf – leider ohne Freund Paul McCartney.

Quirlig und drahtig wirkt er. Man möchte fast sagen: jugendlich. Der Körper gut in Schuss, kein Gramm Fett zu viel. Dabei wird Ringo Starr bald 71 Jahre alt. Journalisten aus ganz Europa hat er in einen verlassenen Flughafen-Hangar in der englischen Grafschaft Surrey geladen. Um seine erste Europa-Tournee seit 13 Jahren anzukündigen. Um zu zeigen: Ich bin noch da - und die nächste Tour wird sicher nicht die letzte sein.

Was ihn immer noch auf die Bühne zieht? "Es ist eben das, was ich tue. Schon mit 13 Jahren hatte ich diesen Traum, Schlagzeug zu spielen." Punkt. Immer noch fühlt er sich am wohlsten hinter seinem Drum-Set. Während der ersten drei Songs, die Ringo zu diesem besonderen Anlass mit seiner All Starr Band spielt, nimmt er dort Platz. Bei "Broken Wings", dem Hit von Band-Mitglied Richard Page (Mr. Mister) überlässt er sogar dem zweiten Schlagzeuger Gregg Bissonette den Hauptpart. Ringo unterfüttert, arbeitet sich an den tiefen Trommeln ab, während Bissonette die Becken klingeln lässt.

Das ist ein schönes Bild, für die Rolle, die Ringo immer am liebsten war: der Mann im Hintergrund. Das Gerangel um die künstlerische Führungsrolle hat er schon bei den Beatles den Platzhirschen John Lennon und Paul McCartney überlassen. Und wenn er singen sollte, dann doch bitte innerhalb eines überschaubaren Stimmumfangs. So sind wunderbar simple Popsongs entstanden, die die Zeit überdauert haben: "I Wanna Be Your Man", "Yellow Submarine", "With A Little Help From My Friends".

"With A Little Help From My Friends", das er auch heute noch auf jedem Konzert spielt, ist Ringo Starr zum Lebensmotto geworden. An seinem größten Solo-Erfolg, dem dritten Album "Ringo", haben 1973 alle anderen Beatles mitgeschrieben und -musiziert. Immer hat er den Kontakt zu den Liverpooler Freunden gehalten, auf dem neuen Album "Y Not" findet sich ein Duett mit McCartney: "Walk With You". "Ich frage Paul vor jeder Tour, ob er nicht Teil der All Starr Band sein will", erzählt Ringo. "Wie alle Mitglieder dürfte er zwei Songs spielen. Aber er sagt immer ab: Zu viel zu tun." Ringo Starr wirkt nicht sentimental, wenn er von alten Freuden, alten Zeiten spricht. Aber sie sind ihm wichtig. Erinnerungen wie die an die ersten Auftritte mit den Beatles in Hamburg, 1962. "In Hamburg werde ich dieses Jahr meinen Geburtstag feiern", freut er sich. "Das gibt eine Riesenparty - Wasser für alle!" Selbstironisch und mit dieser feinen englischen Prise englischen Humors bezieht er sich so auf sein überwundenes Alkoholproblem. Die Menschen in der Halle lachen befreit auf. Nicht immer klappt das mit dem schwarzen Humor so gut. Sehr übel haben ihm Fans in der Heimatstadt genommen, dass er 2008 in einem Fernseh-Interview verlauten ließ, dass er nichts an Liverpool vermisse. Bei der Tourvorstellung rudert er gleich mehrfach zurück: "Ich liebe Liverpool, ich habe dort Freunde und Familie, die Stadt ist immer nah an meinem Herzen." Selbstverständlich macht er dort Halt auf der Europa-Tour. Wie in Düsseldorf, München, Berlin, Paris, Rom, Prag oder Moskau.

Zu Ringos aktueller All Starr Band, der zwölften seit 1990, gehören neben Mr. Mister Richard Page auch Johnnys Bruders Edgar Winter ("Frankenstein"). Gary Wright, der 1976 den Hit "Dream Weaver" hatte. Und Rick Derringer, der 1965 mit dem McCoys-Song "Hang On Sloopy" The Beatles' "Yesterday" auf Platz eins der amerikanischen Charts ablöste. All diese Musiker haben ihre besten Jahre hinter sich. Wie aus der Zeit gefallen stehen sie auf der Bühne - mit blondierter langer Mähne oder in eng gewordenen Lederjacken.

Es ist ihr Glück, dass sie mit Ringo Starr zusammenspielen können. Dem Mann, den viele für den größten Rock'n'Roll-Schlagzeuger der Welt halten. Weil er sich die Jugendlichkeit, Schlichtheit und Einfachheit bewahrt hat. Diese Formel aus seinem Beatles-Song "Act Naturally": "Alles, was du tun musst, ist natürlich wirken." Nur in einem ganz kurzen Moment lässt er Rockstar-Allüren aufscheinen, das Verhalten eines Beatlemania-Geschädigten: Wenn man ihm ein Weißes Album hinhält nebst einem schwarzen Stift. "Ich gebe keine Autogramme mehr", sagt er dann. Und verschwindet eiligen Schrittes in den Katakomben.

(RP)
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