Richard Strauss' "Arabella" in Düsseldorf: Überwältigend

Düsseldorf: Bitteres Glück

Tatjana Gürbaca überwältigt mit ihrer Inszenierung von Richard Strauss' "Arabella" im Düsseldorfer Haus der Rheinoper.

Als Hugo von Hofmannsthal dieses geniale Libretto schrieb, träumte er von einem zweiten "Rosenkavalier", der abermals das ebenso prachtvolle wie abgelebte, verranzte Wien hochleben ließ. Im Zentrum steht eine verarmte Familie, die für ihre Tochter Arabella einen reichen Bräutigam sucht. Dazu benötigte der Librettist aber auch einen Komponisten, der so ein Duplikat hinbekommt. Dies sollte wieder Richard Strauss sein, obwohl der seit längerer Zeit lustlos schien.

In der Düsseldorfer Rheinoper ist jetzt die Neuinszenierung von Richard Strauss' "Arabella" dem Text des Werkes an Tiefsinn nicht nur gewachsen; sie erschließt ihm jenseits des Komödiantischen spannende neue Dimensionen. Zwar scheint die Oper wegen ihrer schlüpfrigen Verwicklungen als Operette durchzugehen; aller Schmerz, den ein Liebesbasar erzeugt, scheint durch altbackene Wiener Atmosphäre gedämpft. Fürwahr ließe sich "Arabella" zu einer RTL-"Bachelorette" verdampfen, zur schrecklich einfältigen Familie, der ein Trottel von Vater vorsteht. Diese vermeintlich banale Faschings-Kuppel-Show zu Karnevalsdienstag hat indes mehrere Ebenen. Und in Tatjana Gürbacas Regie gucken wir auf das Werk durch die Brille des psychologischen Kammerspiels, das eine Schleife über Henrik Ibsen oder August Strindberg genommen hat.

Gürbaca kratzt alles Ornamentale, alles aufgepuderte Make-up aus Dekadenz und Dekor ab. Das Hotel, in dem die verarmten Waldners hausen, hat sich zur weißen Schleiflackhölle (Bühne: Henrik Ahr) verwandelt, in der die Leute durch zwei riesige Drehtüren hereingespült oder hinausgetrieben werden. Je nachdem, wie die Türen stehen, öffnen sich unerwartet Parallelräume und Durchgänge, durch die sich Privates belauschen lässt.

Vor diesem Hintergrund zeichnen sich Gürbacas Figuren überscharf ab; für leicht befundene Menschen gewinnen an Schwere, an Schicksal. Da ist eine Tochter (Arabella), die verheiratet werden muss; und ihre jüngere Schwester (Zdenka) muss als Junge herumlaufen, weil die armen Eltern nicht die Mitgift für zwei Bräute aufbringen. Bei Gürbaca ist das nicht lustig, sondern tieftraurig, es spiegelt den erzwungenen Verrat an der eigenen Sinnlichkeit. Wenn Zdenka am Ende in einer Blitzheirat dann doch verkuppelt wird, und zwar ungefragt mit Matteo (der ohne Hoffnung für Arabella schwärmt), dann zeigt das angeblich nette Stück seine hässliche Seite, seine Brandnarben. Von diesen Abgründen können wir schon auf der Karnevalsparty allerhand ahnen: Sie endet in einem Bacchanal, als ob sich Wagners Venusberg in einem entkernten Wiener Ringstraßenpalais befindet. Und was am Ende wie typisch Strauss'sche Hochgestimmtheit und Seligkeit wonnefunkelt, ist in Wirklichkeit auf Sand gebaut. Arabella und Mandryka möchte man jedenfalls den seelenheilenden Lernprozess des Finales nur eingeschränkt glauben.

Gürbaca enttarnt das Stück, aber sie verrät es nicht. Hofmannsthals Humor lässt sie flüstern, nicht dröhnen. Wenn Graf Waldner das erste Treffen von Arabella und Mandryka erwartet, hilft der angebotene Flachmann, die Nervosität zu mildern. Wenn Mandryka später, angeblich betrogen, zum Duell schreitet, bringt sein Lakai Geräte aus dem Waffenmuseum. Die drei jungen Grafen, die gewohnheitsgemäß um Arabella streunen, wirken zunächst wie verspielte Jockeys, als seien die Gehilfen aus Kafkas "Schloss" nach Wien gehüpft; später sind sie vom Blitz getroffen und jäh aus ihrer Flapsigkeit gerissen, wenn Arabella ihnen feierlich Adieu sagt.

Der Inszenierung gelingt sogar das Kunststück, die Schwächen der Musik zu kompensieren. Strauss befindet sich hier bereits auf künstlerischer Talfahrt, die Musik hat weder die expressive Wucht noch jenes gespreizte, aber luxuriöse Oberflächenglitzern anderer Werke. Allerdings entlockt die steife, eckige Art, mit der Kapellmeister Lukas Beikircher dirigiert, den Düsseldorfer Symphonikern sehr vernehmlich keine Höchstleistungen.

Wenn man dem Musikfreund den Besuch der Produktion trotzdem dringend ans Herz legen möchte, dann wegen der sängerischen Extraklasse. Jacquelyn Wagner als Arabella gelingt ein Debüt, wie man es nur alle Jubeljahre zu hören bekommt: ein sensationell geführter, höhensicherer, mit Swarovski-Steinen besetzter, doch nie klirrender, sondern gewärmter, edler, aber nicht überreifer, sondern jugendlich beweglicher Sopran. Zum Niederknien! Neben ihr gefällt ein sehr gutes Ensemble, etwa mit Simon Neals impulsivem Mandryka oder mit Anja-Nina Bahrmanns in fast allen Lagen bestrickender Zdenka.

Das Publikum zeigte sich latent ungehalten, beklatschte die Sänger, bedachte den Dirigenten und mehr noch das Regieteam allerdings mit seltsam defensiven Buhs. Da sollte irgendwie Missmut dokumentiert werden, er klang aber wie hohles Brummen. Das ist ja auch nicht verwunderlich, wenn man etwas Leichtes erwartet und dann den Dingen auf den bitteren Grund schauen muss.

(w.g.)
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