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Düsseldorf: Richard III. – nur ein Gestörter

Düsseldorf : Richard III. – nur ein Gestörter

Wie ekelerregend ist dieser Richard, dieser ungepflegte Bucklige, dieser widerwärtige Möchtegern-König, der gedemütigt wurde von Kindheit an. Als er Lady Anne eröffnet, dass er sie heiraten will, spuckt die ihm ins Gesicht. Einmal, zweimal, noch mal und noch mal. Doch Richard wendet sich nicht ab, er kostet die Erniedrigung aus, bietet der Frau, der Welt die Stirn. Er fühlt sich sicher in der Rolle des Verachteten, Ausgestoßenen, des Widerlings. Es ist die einzige, die er kennt.

Intendant Staffan Valdemar Holm bringt in Düsseldorf mit Hauptdarsteller Rainer Galke einen derben Richard III. auf die Bühne, einen hemmungslosen, ungehobelten Wüstling, keinen brillanten Taktierer, keinen abgründigen Mörder, sondern einen bösen Clown, einen garstigen Grobian, der vor nichts fies ist. Gespielt wird in einem schwarzen Zimmer, auf dessen Tafelwände die Stammbäume der verfeindeten Häuser York und Lancester geschrieben sind. Nach und nach streichen die Schauspieler mit zynischem Witz die Namen derer, die Richard morden lässt. Das schrumpfende Personenverzeichnis dieses blutströmenden Stückes ist praktischerweise immer im Blick.

Holm hat diese Inszenierung mit dem Bühnenbild seiner Frau Bente Lykke Møller bereits 2009 für das Königliche Theater Kopenhagen entwickelt. Doch bei konzentriertem Schauspielertheater, wie Holm es zeigt, entsteht mit anderen Darstellern eine neue Inszenierung. In Düsseldorf gibt darin Rainer Galke den Ton vor, der den Richard spielt wie ein gekränktes Kind. Er zeigt einen Machtmenschen, dessen Brutalität naiv wirkt in ihrer ungebrochenen Instinkthaftigkeit. Schillern aber lässt Galke diese Figur nicht. Sein Richard ist immer extrovertiert, durchläuft keine Entwicklung. Er ist nicht bedrohlich, nicht unberechenbar, nur ein Gestörter, dem keiner Einhalt gebietet.

Abwechslungsreicher sind manche Miniaturen der Nebenfiguren. Vor allem Jonas Anders und Dirk Ossig kosten ihre vielen Rollenwechsel klug aus, markieren hübsche Charaktersatiren. Und wenn es wieder ans Morden geht, gehen sie einander ausgiebig an die Gurgel, dass es röchelt und zuckt. Die Frauen sind vor allem Keifweiber, heuchlerische Hysterikerinnen, die kreischen und wenig spielen. So wirken Claudia Hübbecker oder Patrizia Wapinska wie gefangen in ihrem enervierenden Gezeter.

Holm entwirft kein Welttheater, schlägt keinen Bogen, er lässt den Stoff in Episoden zerfallen, die er oft ins Absurde steigert, wenn er etwa Karin Pfammatter als Rachefurie in den Ring schickt, die flucht, bis ihr die Puste ausgeht. Das ist komisch, aber nicht bestürzend. Die Inszenierung flieht vor dem hohen Ton, vor Gefühlspathos. Doch Shakespeare, ironisch gebrochen, ist auf Dauer ermüdend. Obwohl die Schauspieler in wechselnden Konstellationen immer wieder Spannung aufbauen, hat die Inszenierung etwas Nummernrevuehaftes, das ihr die Wucht nimmt.

Holm erspart seinen Zuschauern jede falsche Überhöhung, jeden Shakespeare-Kitsch, doch wird zu wenig klar, was er dagegensetzt. Dieser "Richard III." lässt den Zuschauer nicht erschrecken vor der Deformation des Menschen durch die Macht. Es bleibt beim Ekel vor einem, der sich bespucken lässt.

(RP)