Rheinoper Düsseldorf zeigt Premiere von Pique Dame

Rheinoper : Von St. Petersburg zur Poolparty

Die Rheinoper verlegt Tschaikowskys Schaueroper „Pique Dame“ nach Hollywood. Der Funke springt nicht über.

Elegisch hebt Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ an, Streicher und Holzbläser beginnen einen liedhaften Dialog, der sich steigert, um schockartig auszubrechen in eine erregte Attacke des Wahnsinns mit hoch auffliegenden Streicherkaskaden. Einsames Kammerspiel und große Oper: Tschaikowskys „Pique Dame“ ist beides.

Und was sehen wir zu dieser düsteren Gemengelage? Einen Swimmingpool, um den sich eine leicht bekleidete Statistenschar tummelt, der Chor trägt die wippenden Petticoats und hellen Anzüge der 1950er Jahre, und dann fährt ein Prospekt herunter mit der ikonischen Berglandschaft Hollywoods. Noch weiter kann man sich kaum wegdenken aus dem St. Petersburg des 18. Jahrhunderts, in das Peter und sein schreibender Bruder Modest Tschaikowsky ihre Oper setzten.

Die viel gefragte Regisseurin Lydia Steier hat oft Fantasie bewiesen beim Umtopfen von Opernhandlungen und aus den Verfremdungen erhellendes Potenzial geschöpft. Aber „Pique Dame“ in Hollywood will nun so gar nicht funktionieren. Und das nicht nur atmosphärisch, denn Bärbl Hohmanns Bühnenbild ist zu den Seiten hin ganz offen. Daher sind die Gassen mit schwarzem Samt verhängt, der gnadenlos den Klang verschluckt. So kommt es, dass die Chöre meist seltsam gedämpft klingen. Auch die Sänger kommen nur dann gut übers Orchester, wenn sie weit vorne stehen. Das aber hat nicht nur Folgen für die Hörbarkeit im Saal, sondern auch für die Tonproduktion auf der Bühne. Die Sänger hören sich selbst schlecht in der dumpfen Kleiderschrankakustik und geben automatisch mehr Druck. Druck aber kostet Präzision, und so schleppt der Chor oft, und überhaupt wird überwiegend mit Überdruck gesungen, was die kostbaren Farbschattierungen und die leisen Töne von Tschaikowsky grandioser Partitur brutal einkassiert. Diesem Grundproblem weiß auch Aziz Shokhakimov im Graben wenig entgegen zu setzen, er gibt rasche, hitzige Tempi vor, kann häufiges Klappern aber nicht verhindern, und trotz schöner Bläsersoli (Oboen!) bleibt der Gesamtklang über weite Strecken arg muskulös und blechlastig laut.

Die Geschichte des armen Hermann, der die mit dem reichen Fürsten Jeletzki verlobte Lisa liebt und das fehlende Geld am Spieltisch gewinnen will, erzählt Steier ansonsten fast linear, aber sie verzwergt das Personal systematisch. Die Chormassen sind nur albernes Partyvolk, das Steier boulevardesk chargieren lässt. Der Kinderchor marschiert in Indianer- und Sheriff-Kostümen auf, aber die gespenstische Szene – hier werden Kindern vaterländische Märsche eingebläut! – bleibt so harmlos wie im Karneval.

Das unglückliche Paar ist ein seltsames Gespann: Beide sind mit ihrer Sucht nach unbedingter Liebe zwei Gefühlsextremisten, die zu Außenseitern werden. Hier aber tappt Hermann (Sergey Polyakov mit enorm kraftvollem, dabei klangschönem und höhensicheren Tenor) als Günter-Grass-Lookalike im ausgebeulten braunen Cordanzug herum und Lisa (Elisabeth Strid mit durchschlagkräftigem, dabei lyrisch keusch timbrierten Sopran) wird, maximal unvorteilhaft kostümiert (Ursula Kudrna) mit strähnigem Haar und fieser Brille, regelrecht vorgeführt und muss sich laufend am Arm kratzen. Nichts gegen Ironie als Gegengift zu Tschaikowskys elegischer Schwermut! Aber Steier verkleinert selbst die große Rolle des Fürsten Jeletzki (Dmitry Lavrov mit kernigen, etwas eindimensionalem Bariton) zur Unkenntlichkeit, denn er muss die einzige echte Liebes-Arie der Oper als Party-Schlager in ein rosa Mikro singen. Der Rest des Ensembles ist solide bis herausragend besetzt und gibt alles.

Gottlob reißt es die Idee heraus, der geheimnisvollen Gräfin die schillernde Gestalt der alternden Hollywood-Diva Gloria Swanson zu geben. Zumal die große Hanna Schwarz mit sonorem Alt und magischer Bühnenpräsenz ihren Auftritten eine morbide Grandezza verleiht und den Einfall, die tödliche Begegnung mit Hermann erotisch aufzuladen, eindrucksvoll beglaubigt. Dass Lisa und Hermann am Ende dann doch nicht sterben, ist wiederum eine unverständliche, banalisierende Halbheit. Großer, enden wollender Beifall für alle Beteiligten, keine Buhs.

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