Rezension "Egypt Station" von Paul McCartney

Der Ex-Beatle ist zurück : Allerherrlichste Altersstimme

Paul McCartney veröffentlicht ein neues Album. „Egypt Station“ ist großartig.

Man kommt erstmal gar nicht über das erste Stück hinaus, man muss es nämlich immer wieder hören, und zwar zum einen, weil es wirklich sehr schön ist, und zum anderen wegen dieser Stimme. Sie gehört Paul McCartney, schon klar, aber der ist nun nicht mehr der jungenhafte Kerl, der über so viele Jahrzehnte hinweg nicht zu altern schien. Seine Stimme ist an den Rändern leicht schartig, sie mutet belegt an, sie atmet eine Melancholie, da ist eine Müdigkeit, die man von dem Ex-Beatle bisher nicht kannte. All das passt indes zu dieser Piano-Ballade. „I got crows at my window, dogs at my door / I don‘t think I can take any more“, singt McCartney, und dann lässt er mit Leichtigkeit eine Melodie über die Tasten perlen, die dann allmählich gen Himmel steigt und ein klein bisschen an Steely Dan erinnert. Jedenfalls ist sie wunderschön.

Paul McCartney veröffentlicht ein neues Album, es heißt „Egypt Station“, und darauf finden sich einige der besten Songs, die der 76-Jährige in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Man merkt, dass McCartney diese Platte unheimlich wichtig ist, sie ist ambitioniert, ein Konzeptalbum, das durch zwei längere Fieldrecordings von einer Bahnstation am Anfang und am Ende zusammenhalten wird. Konzeptalbum heißt ja erfahrungsgemäß, dass auch ein bisschen verkopfter oder unausgegorener Kram drauf gepackt wird, und das ist ehrlich gesagt auch hier so. Der bräsige „Caesar Rock“ ist echt stumpf, ebenso „Who Cares“, und die Suite „Hunt You Down / Naked / C-Link“ klimpert allzu verzweifelt alten „Abbey Road“-Zeiten hinterher.

Ansonsten: die tönende Wunderwelt der größten Herzensmacht aller Zeiten – des Pop. Bei  „Happy With You“ könnte es sein, dass einem nach einer Minute Tränen in die Augen treten. Bei „Hand In Hand“ gießen die Streicher zuerst allersämigste dicke Soße auf das Lied, und dann hört man eine Flöte, von der man weiß, dass sie reiner Kitsch ist, der man aber trotzdem sofort folgen möchte – egal wohin. „Dominoes“ ist von ähnlicher Güte, man schmeckt in der ersten Strophe das Beatles-Aroma, und man kann es nicht fassen, denn dann wird das Ding tatsächlich zu einem Song des Electric Light Orchestra!

Die Platte ist natürlich ein Alterswerk, aber sie klingt nicht danach. Greg Kurstin (Foo Fighters, Beck) hat sie produziert, und er mischt diese faszinierend gereifte Stimme so unauffällig in den Vordergrund, dass man meint, Sir Paul singe in einem Zimmer für einen allein.

Love Me Do.

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