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Rezension: Anna von Münchhausen schrieb "Der Lügenbaron"

Eine von Münchhausen erzählt Familiengeschichte : Warum der echte Lügenbaron nicht gelogen hat

Anna von Münchhausen will mit einem Buch die wahre Geschichte hinter ihrem berühmten Vorfahren erzählen. Der war ein guter Anekdotenerzähler, zum fantastischen Lügner machten ihn andere.

Finden Sie die Geschichten vom Baron von Münchhausen witzig? Den Ritt auf der Kanonenkugel, die Reise zum Mond, die Rettung aus dem Sumpf am eigenen Haarschopf? Ein gewisser Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen war kein Fan dieser fantastischen Erzählungen, die im 18. Jahrhundert entstanden und heute weltweit bekannt sind. Dabei hat Hieronymus sie selbst erlebt oder doch wenigstens erfunden – oder nicht?

Genau mit diesen Unklarheiten will Anna von Münchhausen in „Der Lügenbaron – Mein fantastischer Vorfahr und ich“ aufräumen. Zum 300. Geburtstag des Mannes aus dem niedersächsischen Bodenwerder, mit dem die ehemalige Journalistin über dessen verheiratete Schwester im weitesten Sinne verwandt ist, schrieb sie ein Buch, das sich mit der Herkunft der absurden Geschichten und der historischen Person Hieronymus beschäftigt. Sie sprach mit einem Hobby-Genealogen, einem Literaturwissenschaftler und bat adlige Verwandten, ihre Erfahrungen mit dem schwierigen Namen zu erzählen. Die klare Aussage: Ein Münchhausen hat es nicht leicht.

Das beginnt beim 1720 geborenen Hieronymus. Der soll (das versichert eine Gedenkmünze, um die es im Buch auch geht) ein „begnadeter Geschichtenerzähler“ gewesen sein. Gästen in seinem bescheidenen Gutshaus beschrieb er durch einen Nebel aus Tabakrauch, was er im Siebenjährigen Krieg als junger Kavallerist und Page des russischen Thronfolger-Paars in St. Petersburg erlebt hat. Wie wurden aber aus diesen Kamingeschichten die unwahrscheinlichen Fantastereien, bekannt aus Literatur, Bildern und Filmen?

Dafür ist eine Reihe von Autoren verantwortlich, die aus den Erlebnisberichten wundersames Unterhaltungsmaterial machten. Einer von ihnen ist der 1736 geborene Rudolf Erich Raspe, der die Geschichten aus einem Vorgängertext unbekannten Ursprungs, dem „Vademecum für lustige Leute“, entnahm, ins Englische übersetzte und damit gutes Geld machte. Diese bald sehr populären Münchhausiaden gelangten zurück nach Deutschland und 1786 in die Hände Gottfried August Bürgers. Der erweiterte sie und gab ihnen den üppigen Titel „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey einer Flasche im Circel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“ – ein Bestseller seiner Zeit.

Irgendwann gelangten die Fantasiegeschichten ans Ohr von Hieronymus selbst, der sich darin verunglimpft sah. Noch schlimmer kam es für den 74-Jährigen, als er nach dem Tod seiner Ehefrau wieder heiratete, und mit der 17-jährigen Partylöwin Bernhardine von Brunn vielleicht nicht die günstigste Wahl traf. Ein Scheidungskrieg entbrannte zwischen den beiden, in dem Hieronymus versuchte, sein Geld nicht in die Hände Bernhardines fallen zu lassen. Diese bezahlte Anwälte, die im Prozess darauf abzielten, Hieronymus als haltlosen „Fabulierer“ darzustellen, und nannten ihn einen „Lügenbaron“.

Als historische Anekdote interessant, beeinflusste dieser Schandname später ganz konkret die Geschicke der Nachfahren. Hildburg von Harbou, geborene Freiin von Münchhausen, fürchtete aufgrund ihres Namens einmal, nicht in die DDR einreisen zu können. Nach einem unangenehm langen Aufenthalt in einem stickigen Raum und der Befragung durch Volkspolizisten wurde sie entlassen – nicht ohne joviales Schmunzeln und die Frage eines Vopos, ob sie so gut lügen könne wie ihr Vorfahre.

Anna von Münchhausen bemüht sich also nicht zuletzt aus familiären Gründen, den „Lügenbaron“ aus den Köpfen zu tilgen. Und so schreibt sie auch über Hieronymus: „Er hat nicht gelogen. Er hat seine Erlebnisse mithilfe seiner grenzenlosen Phantasie angereichert, sodass Wahrheit und Fiktion verschwimmen (...), bis der ursprüngliche Sachverhalt nicht mehr zu erkennen ist.“