Düsseldorf: Regie-Star aus der Türkei

Düsseldorf: Regie-Star aus der Türkei

Nurkan Erpulat ist ein gefragter Jungregisseur. Ab Herbst arbeitet er in Düsseldorf. Ein Porträt.

Nurkan Erpulat hat Ernst gemacht. In seinem Stück "Verrücktes Blut" lässt er eine hilflose Lehrerin vor unwilliger Migrantenklasse plötzlich die Waffe ziehen. Fortan ist Ruhe in den Bänken. Als Amokläuferin genießt die Lehrerin Respekt und nutzt ihn für Schiller. Unter roher Gewaltandrohung studiert sie mit ihren aufmüpfigen Schülern "Die Räuber" ein und eröffnet ihnen die ideale Welt des Dichters. Integration brutal.

Ein Theaterstück von solch beißender Komik kam gerade recht im Deutschland der Sarrazin-Debatte. Entwickelt und inszeniert hat es der aus der Türkei stammende Regisseur Nurkan Erpulat (37) – und hat sich damit in die erste Reihe der Jungregisseure der Republik gespielt. Erst wurde die Inszenierung zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, jetzt gewann er bei den Stücketagen in Mülheim den Publikumspreis. Dabei ist Erpulat nicht nach Deutschland gekommen, um über Integration zu streiten, sondern weil er seiner Leidenschaft gefolgt ist: dem Theatermachen. "Ich wollte in Berlin Regie studieren", sagt er, "ich war mir nicht sicher, ob das klappen würde, aber ich dachte mir: Wenn nicht, hast Du wenigstens in einem anderen Land Theater gesehen."

Es hat geklappt in Deutschland. Als erster Türke wurde Erpulat in die Regieklasse der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin aufgenommen. Eine Theaterausbildung in seiner Heimat hatte er da bereits hinter sich. In Izmir studierte er Schauspiel, trat in mehreren Theaterstücken und Kurzfilmen auf. Auch in seiner ersten Zeit in Deutschland arbeitete er als Schauspieler. Doch zog es ihn in die Regie. "Ehrlich gesagt, weil ich mir das einfacher vorgestellt habe", sagt er und lacht. Trotz seiner Erfolge in jüngster Zeit versucht er nicht, sich als Regie-Star zu inszenieren. Lieber spricht er über seine Arbeit. "Ich bin ein Schauspieler-Regisseur", sagt er, "mich interessiert, wie Darsteller zueinander in Spannung treten, wie sie ihre Felder abstecken. Das sind meine Bühnenräume, das ist mir wichtiger als Bühnenbild und Kostüm."

Auf eine bestimmte Ästhetik, eine spezifische Bildsprache will er sich nicht festlegen. Erpulat beginnt die gesamte Entwicklung seiner Stücke bei den Schauspielern, lässt sie in der Probenphase auch improvisieren. Aber nur um frei zu entwerfen, wie bestimmte Situationen im Stück verlaufen können. "Wie wir von A nach B kommen, das überlasse ich manchmal den Darstellern", sagt er, "aber A und B lege ich schon fest."

Dieses schauspielerzentrierte Regieverständnis scheint zum neuen Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses, Staffan Valdemar Holm, zu passen. Denn der hat Erpulat zu einem von drei Hausregisseuren in sein Team berufen. Im Januar wird der türkische Regisseur, der sich selbst unverkrampft "einen Ausländer" nennt ("warum nicht, ich bin ein Ausländer hier"), die Komödie "Herr Kolpert" von David Gieselmann inszenieren. Ein flottes Stück, in dem ein dröger Chef ermordet wird, und es plötzlich in der Truhe eines jungen Pärchens klopft.

Doch zuvor inszeniert Erpulat bei der Ruhrtriennale. Wie schon bei "Verrücktes Blut", das ebenfalls im Auftrag der Ruhrtriennale entstand, arbeitet er wieder mit dem Dramaturgen Jens Hillje zusammen. Diesmal adaptieren sie Kafkas "Das Schloss". "Der Roman hat mich sofort interessiert, obwohl er schwer zu inszenieren ist", sagt Erpulat. "Andere Werke Kafkas sind klarer, im Schloss geschieht vieles sehr unterschwellig, wie unsichtbar, dafür muss man erst eine Übersetzung für die Bühne finden."

Kafka, Komödie – Erpulat scheint derzeit viel daranzusetzen, nicht mehr als der Integrationsbeauftragte des deutschen Theaters wahrgenommen zu werden. Doch sieht er auch das gelassen. "Das Theater kennt das Thema Migration überhaupt nicht", sagt er. "Theater handelt von Liebe, Verrat, Hass und so weiter – auch wenn Migranten auf der Bühne stehen."

(RP)