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Rebecca Gablé: Ich bin eine große Verteidigerin des Eskapismus

Die Mönchengladbacher Bestsellerautorin Rebecca Gablé : „Ich bin eine große Verteidigerin des Eskapismus“

Die Hälfte ihres neuen Werks ist fertig, im Herbst 2022 soll es erscheinen. Rebecca Gablé, Bestsellerautorin historischer Romane, spricht im Interview über ihr aktuelles Werk, zwei Silberpennys und Mallorca.

Frau Gablé, worum geht es in Ihrem nächsten Buch?

Gablé Es ist wieder ein Waringham-Roman, der mit etwa 20 Jahren Abstand an die „Teufelskrone“ anschließt. Es geht um große politische, aber auch um soziale Umwälzungen. Erstaunlich, wie viele Parallelen ich auch dabei wieder zu unserer Gegenwart entdecke. Es gab zum Beispiel in den Jahren 1257/58 eine schlimme Hungersnot in Europa. Vorausgegangen war ein Vulkanausbruch in Indonesien, der eine kleine Eiszeit ausgelöst hatte. Hungersnot und eine Seuche waren die Folge. Die Menschen sind scharenweise gestorben. Es ist gruselig, von der damaligen Krisenstimmung zu lesen, während sich gerade Ähnliches bei uns abspielt.

Ein Roman über die Pest? Aus aktuellem Anlass?

Gablé Nein. Im „König der purpurnen Stadt“ sind die großen Epidemien ja schon ein zentrales Thema gewesen. Ich möchte nicht zwei Mal über das gleiche historische Thema schreiben.

Wie recherchieren Sie aktuell? Sie können ja nicht reisen.

Gablé Der größte Teil der Recherche findet durch das Lesen von Fachliteratur statt. Die Reise zu den Schauplätzen ist wichtiger für die Inspiration als für die Recherche. Gerade deswegen fehlt mir das auch ganz furchtbar. Es ist derzeit nicht einfach, Inspiration zu finden. Das höre ich auch von Kollegen. Das Zusammentragen von Fakten ist das eine, aber es muss auch ein Funke überspringen, um eine Geschichte zu erzählen. Im Moment erfordert das ein besonders hohes Maß an Professionalität.

Wie wichtig sind Haptik und sinnliche Erfahrungen für Ihre Inspiration?

Gablé Sehr wichtig. Ich fahre gerne an Schauplätze, um alte Steine anzufassen und mir vorzustellen, dass die historische Hauptfigur meines Romans vielleicht diesen Stein auch schon einmal berührt hat. Das ist jetzt leider nicht möglich. Aber ich habe einen ulkigen Ersatz gefunden. Ich besitze zwei englische Silberpennys aus dem 13. Jahrhundert. Sie liegen seit Monaten auf meinem Schreibtisch, und wenn ich vor dem Computer sitze und mir etwas ausdenke, habe ich oft einen dieser Pennys in meiner Hand. Die müssen jetzt die alten Steine ersetzen. Es könnte ja sein, dass Eleanor de Montfort, die eine zentrale Figur in meinem neuen Roman spielt, einen meiner Pennys in der Hand gehabt hat. Eleanor de Montfort ist eine tolle Powerfrau und die Schwester von Henry III. gewesen.

Sie haben als Mittelalter-Autorin doch hoffentlich dicke Schinken vor sich liegen, wenn Sie sich in ein Thema einlesen?

Gablé Fachbücher sind meist dick und schwer. Wenn ich mich stundenlang darüber beuge, tut mir irgendwann der Nacken weh. Ich lese daher viel lieber am Bildschirm. Da ich mich in der Hauptsache auf die aktuelle Forschung stütze, gibt es sehr viel digitales Material. Junge Wissenschaftler haben interessante neue Forschungsansätze zum 13. Jahrhundert zu bieten. Im Übrigen gibt es mittlerweile sogar Original-Chroniken aus dieser Zeit online zu lesen. Allerdings muss man dazu genug Latein können.

Können Sie genug Latein?

Gablé Es geht. Es ist relativ eingerostet. Wenn es irgendwie möglich ist, umgehe ich es, die Chroniken im Original zu lesen. Die wichtigsten Ausgaben gibt es in neuenglischer und teilweise in französischer Übersetzung.

Wann wird Ihr neuer Roman denn fertig?

Gablé Ende des Jahres. Geplant ist, dass er im Herbst 2022 erscheint.

Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, alle zwei Jahre einen Roman zu veröffentlichen. Warum sind Sie davon abgewichen?

Gablé Ich habe dieses Mal einfach länger gebraucht, weil es ein sehr komplexer Roman ist, in dem viele Themen behandelt werden. Mir gefällt dieser Drei-Jahres-Rhythmus übrigens sehr gut. Ob ich ihn beibehalten werde, ist ungewiss. Da muss ich für mich noch zu einer Linie kommen, und natürlich müssen Gespräche mit dem Verlag geführt werden.

Was, glauben Sie, fasziniert Ihre Leser an dem 13. Jahrhundert?

Gablé. Meine Leser lesen historische Romane, weil sie an der Vergangenheit interessiert sind. Gerade in Zeiten wie diesen kann man sich wunderbar in eine andere Welt hineinträumen. Ich bin eine große Verteidigerin des Eskapismus. Ich glaube, dass es für die psychische Gesundheit wichtig ist, hin und wieder auszusteigen. Zudem bietet ein solcher Ausstieg die Möglichkeit, sich auf unterhaltsame Weise zu bilden.

Wie wirkt sich der Brexit auf Ihre Arbeit aus? Können Sie das schon abschätzen?

Gablé Zurzeit wirkt er sich gar nicht aus, weil ja ohnehin niemand reisen kann. Vielleicht brauche ich künftig ein Visum wie für die USA. Das ist ein Hindernis, das man überwinden kann. Ich bin traurig über den Brexit, kann aber bisher nicht sagen, dass er meinen Arbeitsalltag oder das Verhältnis zu meinen Freunden in Großbritannien beeinflusst.

Genießen Sie es im Moment mehr als sonst, fern der Gegenwart zu schreiben?

Gablé Ich finde es immer reizvoll, ins Mittelalter abzutauchen, aktuell gibt es aber sicherlich mehr Anlass dazu als noch vor zwei Jahren. Dennoch: Ich habe sehr viel Glück und bin besser dran bin als viele meiner Kollegen. Sie müssen ihr Geld mit Lesereisen verdienen, was aber derzeit nicht möglich ist. Ich finde es erschütternd, mitzuerleben, wie der Staat bei der Unterstützung freischaffender Künstler versagt. Das nimmt mich sehr mit und macht mich wütend.

Die Menschen streamen viel, besorgt Sie das als Autorin?

Gablé Ich nehme unterschiedliche Signale wahr. Zu Beginn der Pandemie hat es einen unheimlichen Leseboom gegeben. In den vergangen sechs Monaten wiederum habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Menschen mehr Filme schauen als zu lesen. Wir müssen schauen, wie uns das alles verändert hat, wenn die Krise eines Tages vorbei ist. Ich glaube, dass das Buch immer Bestand haben wird. Genauso wie ich davon überzeugt bin, dass uns die Pandemie gesellschaftlich gar nicht so sehr umkrempeln wird, wie es manche vermuten. Dazu schätzen und vermissen wir das Vertraute zu sehr. Ich bin besonders traurig darüber, dass wegen der Coronakrise ein Vortrag ausfallen musste, den ich an der Universität in Cambridge halten sollte. Ein digitales Format kam für mich nicht infrage. Ich hasse diesen ganzen Videokonferenzkrempel und mache wirklich nur das Allernötigste. Das ist kein adäquater Ersatz, um mit Menschen zu einem Austausch zusammenzukommen.

Wenn Sie heute eine Vor-Ort-Recherche für Ihren aktuellen Roman betreiben wollten, wohin würden Sie reisen?

Gablé Ich würde nach Lewes in der Grafschaft Sussex reisen. Dort hat eine sehr wichtige und folgenschwere Schlacht stattgefunden. Dort befindet sich auch ein angeschlossenes Museum. Und ich führe nach London, weil der Tower und die Londoner Stadtbevölkerung eine wichtige Rolle in der Reformbewegung gespielt haben.