Berlin: Rätselhafter Mann aus Sibirien

Berlin: Rätselhafter Mann aus Sibirien

Bei der Berlinale feierte gestern die Dokumentation "Khodorkovsky" Weltpremiere. Der Berliner Regisseur Cyril Tuschi arbeitete fünf Jahre an dem Film über den inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski. Ihm gelang ein packendes, beunruhigendes Porträt mit Brisanz.

Dieser Film wurde mit Spannung erwartet; er ist brisant, hieß es, und gestern feierte er am Nachmittag Weltpremiere auf der Berlinale: "Khodorkovsky", die Dokumentation über den inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski, ist tatsächlich eine fesselnde politische Erzählung, eine unfassbare Geschichte aus dem Zentrum der Macht.

Chodorkowski war einer der reichsten Männer der Welt, Gründer der ersten russischen Privatbank Menatep und Inhaber des Ölkonzerns Yukos, als er 2003 in seinem Privatflugzeug verhaftet wurde. Seitdem sitzt er in Sibirien ein, 4000 Meilen von Moskau entfernt, nahe der Grenze zu China. Im Dezember 2010 wurde das Urteil bestätigt: 14 Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung. Der Berliner Filmemacher Cyril Tuschi spürt nun den Gründen für die Festnahme nach, er findet zwar keine allein gültige Antwort, wie auch, aber er ermöglicht ungeheuere Einblicke in die russische Gesellschaft und die internationale Diplomatie.

Tuschi, der zuvor nur durch seinen Spielfilm "SommerHundeSöhne" (2005) aufgefallen ist, arbeitete fünf Jahre an der Produktion, er befragte 70 Zeitzeugen, darunter die Mutter Chodorkowskis und den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Er schneidet animierte Szenen dazu, etwa um Chodorkowskis Verhaftung zu illustrieren, zudem Nachrichtenmaterial von CNN. Vor dem Zuschauer gewinnt der Unternehmer in diesem vielschichtigen Film allmählich Kontur. Tuschi begeht dabei nicht den Fehler, Partei zu ergreifen.

Der ehemalige Chemiestudent Chodorkowski häuft in den 90er Jahren den Großteil seines vor der Verhaftung acht Milliarden Dollar großen Vermögens an. Aber zu Chodorkowski passt das Klischee vom russischen Neureichen nicht. Vielmehr vollzieht sich bei ihm so etwas wie eine demokratische Wandlung. Er stiftet Geld für Schulen, tritt als Kulturförderer auf. Zu Beginn des neuen Jahrtausends mehren sich die Gerüchte, er wolle Yukos-Anteile in die USA verkaufen. Und in einem live im Fernsehen ausgestrahlten Treffen der Superreichen mit Wladimir Putin konfrontiert er den damaligen Präsidenten mit Korruptionsvorwürfen. Putin gerät ins Stocken, und ein Vertrauter Chodorkowskis erinnert sich: "Ich wusste: Das ist das Ende." Wenige Tage später holt das Militär den Unternehmer aus seinem Flieger.

Kurz vor Chodorkowski wird dessen rechte Hand bei Yukos, Platon Lebedew, verhaftet. Chodorkowski ist zu jener Zeit in Amerika. Warum reist er zurück, obwohl er darauf gefasst sein muss, dass ihm dasselbe passiert? Warum zahlt er nicht einfach die Steuern, die der Staat — wenn auch willkürlich — von ihm verlangt? Es sind diese Rätsel, die der Dokumentation ihren Reiz geben, die einen weiter umtreiben. Vertraute des Inhaftierten kommen vor der Kamera zu eigenwilligen Interpretationen: Chodorkowski sitze im Gefängnis, um nach Verbüßung der Strafe als Geläuterter dazustehen, als Anwärter auf die Präsidentschaft im Namen des Volkes, meint ein Weggefährte. Kann jemand derart von einem Ziel überzeugt sein, dass er anderthalb Jahrzehnte im hintersten Sibirien in Kauf nimmt?

Der Regisseur ist als Dokumentarist kein Profi, man spürt das deutlich, als er den Sohn Chodorkowskis aus erster Ehe befragt: Da hakt er nicht nach, bekommt keine ungewöhnlichen Aussagen. Aber diese Arglosigkeit nützt an anderer Stelle. So gelingt der Coup, Chodorkowski während des Prozesses in Moskau in seinem Glaskäfig zu sprechen. Für private Zwecke sei das, erläutert der Filmemacher mit den russischen Vorfahren den Behörden. Chodorkowski spricht also, und der Mann mit der rahmenlosen Brille verstört den Zuschauer durch Heiterkeit, Ironie, seinen entspannten Auftritt. Kann das sein?

Nicht gut weg kommt Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Der, berichtet der ehemalige russische Wirtschaftsminister Jewgenij Saburow, habe auf die Frage, was man für Chodorkowski tun könne, nur geantwortet: Das sei eine Sache zwischen Männern. Für eine Stellungnahme war Schröder nicht zu erreichen. Tuschi lebt inzwischen in einer neuen Wohnung. Kurz vor Beginn der Berlinale wurde ihm aus der alten ein Laptop mit der Rohfassung des Films gestohlen. Der Verfassungsschutz ermittelt.

(RP/csr)
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