Psychische Gefahren in künstlerischen Jobs

Kranke Künstler: Künstler sind psychisch oft belastet

Leistungsdruck vor und hinter den Kulissen kann krank machen. Die Unfallkasse NRW will Theatern beim Vorbeugen helfen.

Es ist ja eine der grundsätzlichen Fragen, ob Menschen Künstler werden oder Künstler sind. Jedenfalls betrachten die meisten von ihnen ihre Arbeit nicht als Job, sondern als Berufung. Ein herausragendes Talent hat sie auf die Bühnen, Konzertpodien oder in die Orchestergräben des Landes geführt. Wer es so weit schafft, brennt für das, was er tut. Menschen in Künstlerberufen sind hochbegabt, ehrgeizig, anspruchsvoll – und sie arbeiten unter hohem Zeit- und Leistungsdruck. Natürlich bedeutet das höchste Gefahrenstufe für die Psyche.

Das hat die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen dazu veranlasst, genauer zu erheben, wodurch psychische Erkrankungen bei Künstlern und Mitarbeitern künstlerischer Betriebe entstehen – und vor allem, wie dem vorzubeugen wäre. Denn das ist Teil des Arbeitsschutzes und fällt somit unter die Sorgfaltspflicht von Arbeitgebern. In dem Pilotprojekt haben nun erstmals Mediziner und Berater mit Beschäftigten in den darstellenden Künsten gemeinsam die Strukturen an Theatern, Opernhäusern und in Orchestern beleuchtet und Fragebögen entwickelt, mit deren Hilfe Arbeitgeber in künstlerischen Berufen außergewöhnliche Belastungen ihrer Mitarbeiter erkennen können.

Liest man diesen „Handlungsleitfaden zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen für Beschäftigte in der darstellenden Kunst“, versteht man bald, dass Künstlerberufe nicht nur belastend sind, weil Darsteller mit Herausforderungen wie Lampenfieber zu kämpfen haben. Oder weil etwa die Lärmbelastung in einem Orchestergraben nicht nur die Ohren schädigen, sondern auf lange Sicht auch auf das Gemüt schlagen kann. Vor allem die Strukturen an Kunstinstitutionen bergen Gefahrenpotenzial für die Psyche.

In Theatern wird in ständig wechselnder Besetzung unter hohem Zeitdruck gearbeitet. Die Hierarchien sind oft recht starr, was Angst und Ohnmachtsgefühle bei den Mitarbeitern hervorrufen kann. Die Leistung wird ständig – auch öffentlich – bewertet. Dazu kann es zu negativen gruppendynamischen Prozessen kommen, wenn etwa in einem Orchester die Streicher Jahrzehnte in einer Gruppe sitzen oder wenn Sänger, die nur Zeitverträge haben, miteinander konkurrieren. Oder wenn in einer Ballettkompanie Tänzer diverser kultureller Herkunft mit unterschiedlichen Körpersprachen und Disziplinvorstellungen aufeinandertreffen und keine gemeinsame Muttersprache haben, um ihre Schwierigkeiten zu diskutieren.

Der Leitfaden der Unfallkasse betrachtet die Problemfelder systematisch, fragt nach Handlungsspielräumen der Mitarbeiter, nach Verantwortung, emotionaler Inanspruchnahme, Arbeitsabläufen, sozialen Kontakten zu den Kollegen, dem Verhältnis zu den Führungskräften.

Überforderung, Abhängigkeiten, Exzentriker in Führungspositionen – schon die Me-Too-Debatte hat den Blick auf solche Probleme gelenkt. Doch es gibt auch ungünstige Strukturen, die sich aus den Abläufen in künstlerischen Betrieben ergeben. „An Theatern beginnt alle sechs Wochen eine neue Produktion, das bedeutet für die Teams – von den Künstlern bis zu den Technikern –, dass sie sich alle sechs Wochen auf einen Führungswechsel einstellen müssen“, sagt Christina Barandun, freiberufliche Trainerin aus Bonn, die Kunstinstitutionen in Fragen der Arbeitsorganisation berät und am Leitfaden für die Unfallkasse NRW mitgearbeitet hat. „Künstler und Mitarbeiter in Künstlerbetrieben wollen verständlicherweise alles perfekt machen“, sagt Barandun, „diese Einstellung hat sie an ihren Arbeitsplatz geführt, in der Praxis müssen sie aber lernen, mit Abstrichen zu leben und mit Frustration umzugehen, weil nicht jede Produktion perfekt werden kann.“

Barandun hat auch festgestellt, dass Menschen in den Leitungsteams oft wenig bewusst ist, dass sie nicht nur Künstler sind, sondern auch klassische Aufgaben der Mitarbeiterführung übernehmen müssen. Wenn die Beraterin dann etwa fragt, ob es regelmäßige Mitarbeitergespräche gibt, ein Instrument, das sich in der Wirtschaft längst durchgesetzt hat, hört sie in künstlerischen Betrieben, man rede ja sowieso den ganzen Tag miteinander, da seien solche Gespräche nicht nötig.

Auch die Vorstellung, dass Kunst nun mal mit Grenzüberschreitung zu tun habe und die Freiheit der Kunst durch Mitarbeiteransprüche wie klare Arbeitszeitregelungen oder Mitspracherechte beschnitten werden könnte, hält sich in manchen künstlerischen Betrieben hartnäckig. „Studien zeigen aber, dass Menschen besonders kreativ und motiviert sind, wenn sie in einem behüteten Raum frei arbeiten können“, sagt Barandun, „Druck schafft Angst und mag Menschen für sehr kurze Zeit zu Leistung zwingen, aber auf lange Sicht geht das nicht gut.“

Den neuen Leitfaden können Institutionen anwenden, wenn Krankmeldungen, Konflikte zwischen den Mitarbeitern oder Klagen über Druck und Zeitmangel gehäuft auftreten. Das sind Hinweise auf Fehler im System.

Ziel der künstlerischen Betriebe, so heißt es bei der Unfallkasse NRW, müsse es sein, dass auch in Künstlerberufen eine gute Work-Life-Balance sichergestellt, Selbstwertgefühl, Kreativität und emotionale Offenheit der Mitarbeiter gewährleistet und ein gutes Klima in Ensemble und Mitarbeiterschaft geschaffen und gehalten werden könne. Bedingungen für einen Raum, in dem sich die Kunst wirklich frei entfalten kann.

„Wertschätzung ist auch hinter den Kulissen ein großes Thema“, sagt Barandun. Jedenfalls genüge es nicht, stets auf die hohe Kunst zu verweisen, wenn Mitarbeiter unter schlechten Arbeitsbedingungen, haufenweise Überstunden, knappen Budgets litten. Die Kulturinstitute der Zukunft, da ist sich Barandun sicher, werden viel mehr Verantwortung auf die einzelnen Abteilungen verlagern. „Handlungsspielraum schafft Zufriedenheit, das wird sich auch in der Kultur durchsetzen.“

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