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Dresden: Protestanten entdecken das Internet

Dresden : Protestanten entdecken das Internet

Die Bibel und das Netz - passt das? In der evangelischen Kirche noch nicht so recht.

Livestream? Fehlanzeige. Wer sich für Evangelisches interessiert, guckt bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in die Röhre. Video-Schnipsel gibt es immer erst nachträglich. Und beim Kurznachrichtendienst Twitter setzt die EKD zwar eine Kaskade von Mitteilungen ab - der letzte Eintrag vor der aktuellen Tagung aber stammt vom November 2013. Es besteht also Nachholbedarf in Sachen Protestantismus und Internet. Verwunderlich eigentlich, denn fast alle Synodalen nutzen Tablets, Laptops oder Smartphones. Offenbar gelingt es den Evangelischen nicht, diese persönliche Digitalisierung mit der kirchlichen Ebene kurzzuschließen.

Neue Impulse soll der sperrig formulierte Schwerpunkt der Synodentagung bringen: "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft". Im Angebot sind reichlich Satzbausteine der Netzaffinität. Es gelte, "neue Kommunikationsräume" zu nutzen, sagte etwa der hannoversche Landessuperintendent Detlef Klahr, der die Vorlage für die Abschlusskundgebung vorstellte. Die digitale Gesellschaft sei nicht Untergruppe, sondern "Signatur der Gesellschaft insgesamt".

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Klahr mutete den Synodalen freilich auch die Erkenntnis zu, dass entschlossene Digitalisierung der Kirche die brisante Frage stellt: Wie müssen wir uns organisieren, um das Evangelium wirksam unters Volk zu bringen? "Nur wenn die evangelische Kirche digital präsent ist, wird sie weiterhin Teil des Alltags der Menschen sein können", heißt es im Kundgebungsentwurf.

Deutlich weitergehende Kritik hatte sich das Kirchenparlament zuvor vom Münsteraner Theologen Christian Grethlein anhören müssen. Die Konzentration auf Ortsgemeinde und Regionalkirche sei im Internet-Zeitalter problematisch, weil eigentlich "agrarisch und teilweise noch industriell strukturierten Gesellschaften" angemessen. Mit der Digitalisierung steige die Bedeutung des Einzelnen. Der Protestantismus mit seiner Lehre vom Priestertum aller Getauften sei daher "theologisch, aber nicht organisationsmäßig gut gerüstet". Online-Kommunikation, die sich um Konfessionsunterschiede nicht mehr schere, passe zudem schlecht zu "statischen Lehrauffassungen".

Unklar bleibt vorerst, wie sich Lehren aus all dem mit einer alternden Gesellschaft und mangelhafter Breitbandversorgung auf dem Land vereinbaren lassen sollen, ohne massenhaft Protestanten vom Kirchenleben abzuhängen. Einfach ins Netz verpflanzbar wie ein Reisebüro oder eine Bank ist die soziale Einrichtung Kirche schließlich nicht.

Fast wie ein sarkastischer Seitenhieb mutete es an, dass die Berliner Design- und Internet-Forscherin Gesche Joost in Dresden den "Lorm-Handschuh" vorstellte: Mit dem können Taubblinde zum Beispiel SMS schreiben und empfangen, also online erste Schritte machen. Die Diskussion über die Kundgebung geschah dann übrigens in Foren. Nicht online, sondern analog: in Tagungsräumen.

(RP)