Premiere von "Menschen im Hotel" in Düsseldorf

Wortmann inszeniert: Im Karussell des Lebens

Sönke Wortmann inszeniert am Düsseldorfer Schauspielhaus „Menschen im Hotel“ – als feinsinnige, aber etwas biedere Studie der Flüchtigkeit des Lebens.

Der arme Kringelein hat sein Leben verpasst. Als beflissener Buchhalter hat er in einer Fabrik in der sächsischen Provinz seine Tage vergeudet, zänkische Frau, keine Kinder. Nun werden ihm die Hemden zu weit, die Schwindsucht hat ihn erwischt. Doch Kringelein ahnt, dass ihm etwas entgangen ist. Darum steht er jetzt in diesem Grand Hotel in Berlin, bettelt um ein Zimmer – nein, nicht die Mansarde, teuer soll es sein! Er will sein Erbe verprassen, endlich leichtsinnig sein, denn vielleicht ist ja im Luxus, im Champagner prickelnden Rausch des Konsums, doch noch etwas zu erwischen – von diesem flüchtigen Leben.

Wie Torben Kessler da im zerknitterten Anzug vor dem Portier steht und so störrisch, jämmerlich, beschämend um Einlass kämpft in die Großbürgerwelt, das ist ein anrührender Theatermoment. Im Angesicht des Todes versucht ein Mensch soziale Grenzen zu überwinden, Glück zu erkaufen. Natürlich wird er scheitern, und so überkommen den Zuschauer Mitleid und Scham, Gefühle, die ihn gleich hineinziehen in das Karussell der sentimentalen Episoden, das an diesem Abend angeschoben wird. „Menschen im Hotel“ – das ist ja eine Ansammlung von Sehnsüchten, Aufbrüchen und Versäumnissen des Lebens. Hotels sind eigentümliche Orte des Durchgangs, in denen die Lebenswege von Fremden einander streifen, für Momente hervortritt, was Menschen antreibt – und was sie verzweifeln lässt. Ende der 1920er Jahre hat Vicki Baum, Bestsellerautorin der Weimarer Republik, diesen Ort der intimen Unverbindlichkeit ins Zentrum ihres berühmtesten Romans gerückt. Wie mit einer schweifenden Kamera erzählt sie in „Menschen im Hotel“ von sechs Gästen, deren Schicksale sich in einem Grand Hotel kreuzen.

Zur Eröffnung der Spielzeit des Düsseldorfer Schauspielhauses inszeniert Sönke Wortmann diesen mit feiner Ironie verfassten Gesellschaftsroman aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Intendant Wilfried Schulz hat ihm das Stammhaus des Theaters am Gründgensplatz geöffnet. So hat er die große Bühne mit allen technischen Möglichkeiten zur Verfügung und nutzt das naheliegende Bild der Drehtür als Metapher für das Leben. Florian Etti hat die gesamte Bühne in eine solche Drehtür verwandelt, in deren Zwischenräumen sich das Leben abspielt – ein Kaleidoskop der Schicksale, ein Viel-Kammerspiel.

Deutlich spürt man in dieser Arbeit, dass Wortmann vom Film kommt. Nicht nur, weil nach der Pause eine Szene als Film auf den Vorhang geblendet wird und den Theatersaal vorübergehend zum Kinosaal macht. Geschmeidig lässt Wortmann die Szenen im Drehschwung ineinander fließen, mutet den Zuschauern keine Brüche oder Irritationen zu. Wenn im Roman ein Kriegsveteran ein zerschossenes Gesicht hat, trägt auch sein Wiedergänger auf der Bühne die entsprechende Maske. Die Kostüme sind den 20er Jahren entliehen, die alternde Ballerina tänzelt vor dem Spiegel, die Fabrikdirektoren rauchen Zigarre, alles wirkt stimmig, nichts stört das Vergnügen. So kann der Zuschauer all die Spitzen des Romans gegen Klassendünkel und kleinbürgerliche Glücksvorstellungen getrost in der Zeit belassen, die Gegenwart geht diese Inszenierung wenig an. Auch dass sich gesellschaftliche Spannungen jenseits der Hotelmauern bald furchtbar entladen werden, ist in der tristen Gediegenheit auf der Bühne kaum zu spüren.

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Man kann die Inszenierung also gefällig, sogar bieder nennen, doch erzeugt sie eine Atmosphäre der Konzentration, die alle Aufmerksamkeit auf die berührende Schauspielkunst lenkt. Jeder der Darsteller bekommt Raum in der Drehtür, um seine Figur in all ihrer Verzweiflung und ihrem Aberwitz zu entfalten. Da ist Stefan Gorksi als verarmter Baron und Lebemann, der mit viel Charme Gauner und Menschenfreund zugleich verkörpert. Der kurzfristig eingesprungene Peter Jordan gibt kaltschnäuzig, arrogant den überheblichen Fabrikbesitzer. Im Roman ist die Figur selbst bedauernswerter angelegt, auf der Bühne muss sie in der von Stephan Kaluza überarbeiteten Fassung ganz als Fiesling herhalten. Karin Pfammatter ist mit dem ihr eigenen zärtlichem Furor die lebensmüde Grusinskaya, die den Absprung aus der Ballett-Karriere verpasst hat. In der Hotellobby lässt Rainer Philippi als Kriegsveteran den Sarkasmus eines ewig Versehrten aufblitzen.

Lieke Hoppe macht aus der kleinen Sekretärin, die in die weite Welt will und dafür auch in Liebesdingen zu Diensten ist, eine spannende Frauenfigur. Ihr Fräulein Flamm ist modern ernüchtert und verträumt zugleich, manchmal bellt sie mit Berliner Schnauze, hat die Männerwelt durchschaut, dann träumt sie doch wieder von ein bisschen Ruhm beim Film. Und der großartige Torben Kessler stürzt sich als todkranker Kleinbürger wunderbar kläglich in die große Dekadenz. Wie er mit zittrigen Händen und fiebrigem Blick das sündhaft teure Seidenhemd entfaltet und dem Publikum hilflos entgegenstreckt, weil doch auch Seide am Ende nichts hilft, auch das ist einer der berührenden Momente dieses Abends.

Wortmann hat kein Konzept entwickelt, keinen Zeitbezug geschaffen. Er hat einfach mit so etwas Altmodischem wie Anteilnahme einen lebensklugen Roman auf die Bühne gebracht, auf seine Schauspieler vertraut und ihnen ein Karussell gebaut, das läuft wie geschmiert. Sein „Menschen im Hotel“ ist Theaterkulinarik, wie sie in Grand Hotels serviert wird.