1. Kultur

Premiere des Stücks von Rainald Goetz "Reich des Todes"

Düsseldorfer Schauspielhaus : Im Fadenkreuz des Bösen

Rainald Goetz sucht in seinem Stück „Reich des Todes“ nach den zeitlosen Ursachen für Folter und Krieg. Zum Anlass nimmt er die Reaktionen der USA auf die Terrorangriffe von 9/11, stellt aber zahlreiche historische Bezüge her. Stefan Bachmann inszeniert das als bildarme Sprechoper in einem bestechenden Bühnenbild. Eine Koproduktion von Düsseldorfer Schauspielhaus und Kölner Schauspiel.

Im Totenreich steht nur noch das Skelett der Zwillingstürme. Die USA wurden von einer beispiellosen Terrorattacke getroffen: Der Anschlag auf New York, auf das pulsierende Zentrum der westlichen Welt, tötete hunderte Menschen und setzte einen Mechanismus in Gang, an dessen Ende ein ungerechtfertigter Krieg im Irak stand und Folter in amerikanischen Gefangenenlagern. Gewalt gebiert Gewalt. Auf der Bühne ist der Angriff gerade geschehen, doch die Trümmer sind schon hinweggefegt, nichts verstellt mehr den Blick auf das Wesentliche. In der gesamten Tiefe der dunklen Bühne sind nur dünne Fäden gespannt, senk- und waagerechte Gitterlinien, Gefängnisstäbe, ein Rasternetz der Macht.

In diesem dreidimensionalen Schachbrett bewegen sich die Schauspielerinnen wie Spielfiguren der Geschichte. Mal sind sie in grauen Anzügen die Mitstreiter des US-Präsidenten im Weißen Haus und zetteln mit ihm den „Krieg gegen den Terror“ an. Mal sind sie in Tarnuniformen die Wächter und Folterer im berüchtigten amerikanischen Lager von Abu Ghraib, dann wieder Nazi-Größen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, die Zyankalikapseln schon unter der Zunge.

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In einer stillen, besonders schwer erträglichen Szene schlüpfen drei Frauen des rein weiblichen Ensembles in die Haut der Gefangenen von Abu Ghraib und berichten von der Praxis ihrer Folterer. Sie schildern deren irres Gehabe, ihre destruktive Lust, sich mit den Geschundenen zu fotografieren, Belege zu schaffen für das abgrundtief Böse. Sie flüstern von der eigenen Angst vor Schmerz und Tod. Und das alles spielt zwischen den Fadenkreuzen eines skelettierten Bühnenbildes, was sinnfällig ist. Denn es geht Rainald Goetz in seinem neuen Stück „Reich des Todes“ nicht um Bilder, nicht um die Erinnerung an einen wirkmächtigen Terrorakt, sondern um Analyse. Um die Mechanismen der Gewalt, um das Wesen des Bösen, um die Frage, warum der Krieg die große Konstante der Geschichte ist. Und warum der Mensch besessen ist von der perversen Lust, andere zu erniedrigen und leiden zu sehen.

Goetz hat einen Höllensturz verfasst, eine Auslieferung an das Böse. Sein Text ist eine manische Erörterung, in manchen Momenten szenisch intensiv, meist aber abstrakt, thesenhaft, voller Anspielungen und historischer Bezüge. Eine Herausforderung für das Sprechtheater. Am Beispiel der USA zeigt Goetz auf, wie auch Nationen, die Werte wie Freiheit und die Menschenrechte hochhalten, sich dunkle Verließe schaffen, rechtsfreie Räume, in denen sie ihre Machtfantasien ausleben können. Doch nennt Goetz etwa den 2001 amtierenden Präsidenten George W. Bush und seine Mitstreiter nicht beim Namen, benennt sie vielmehr nach anderen historischen Größen. So kommen der preußischen Kriegsminsiter Roon ins Spiel, SS-Mann Reinhard Heydrich oder auch der populistische Hamburger Richter Ronald Schill. Die Amis und die Deutschen also. Goetz sieht in ihnen zwei „kaputte“ Nationen, die Menschen hervorbringen, die vor ihren Folteropfern posieren. Die Werte umdefinieren, bis keine Menschlichkeit mehr übrig ist. Als Gleichstellung wäre das problematisch, doch Goetz stellt all das historische Personal nebeneinander, weil er auf der Suche nach Strukturen ist, weil er das Typische erfassen und die fatalen Muster der Geschichte hervortreten lassen will. Von den Attentätern der Anschläge von 9/11 ist in dieser Inszenierung wenig die Rede. Der Fanatismus der Islamisten, ihre bigotte Körperfeindlichkeit bleiben eine Leerstelle. Im Hades von Rainald Goetz soll der Westen schmoren, soll sich seiner Heuchelei bewusst werden, soll durchleben, was er anderen antut im Namen der Freiheit.

Der Kölner Intendant Stefan Bachmann versucht die manischen Textflächen dieses Stücks verstehbar zu machen, indem er den Rhythmus der Sprache hervorhebt. Er setzt ein kleines Orchester vor die Bühne, das den Abend als Taktgeber und Klangmaler begleitet. Die Schauspielerinnen dieser Koproduktion zwischen Düsseldorfer Schauspielhaus und Kölner Schauspiel müssen also in den zerschnittenen Räumen des Fadenbühnenbilds zu Spiel und Ausdruck finden und sich zugleich dem Takt der Sprache fügen. Sie tun das virtuos, mit hohem Tempo, führen in den ersten Szenen des Abends eine Art Sprechoper auf, bei denen einzelne Darstellerinnen hervortreten. Rosa Enskat zum Beispiel als ein US-Präsident, der seine Unsicherheit durch vermeintliche Entschlossenheit zu überspielen versucht und durch sein politisches Handeln das Foltern in den Lagern erst ermöglicht. Szenische Bebilderungen, wie sie etwa Karin Beier bei ihrer Uraufführung des Stücks am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg geliefert hat, verweigert Bachmann dagegen. Es ist an den Schauspielerinnen, mit ihrer Sprache, ihren Körpern diesen Text verständlich zu machen. Für die Zuschauer bleibt der Abend trotz ihrer Anstrengungen eine Herausforderung.

Vor der die Inszenierung schließlich mit ironischer Geste kapituliert. Die Kölner Schauspielerin Melanie Kretschmann tritt an die Rampe, das Manuskript in der Hand, und beginnt vorzulesen. In einem irren Monolog spricht sie von Gewalt und Theater und der Vergeblichkeit von Erkenntnis, lässt jedes Blatt, das sie abgearbeitet hat, zu Boden fallen, spricht immer weiter. Spricht mit jener Besessenheit, mit der Rainald Goetz selbst 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auftrat, sich während der Lesung die Stirn aufschlitzte und das eigene Blut vergoss. Sein „Reich des Todes“ ist ein verzweifelter Wortausbruch, eine Klage über die Unmenschlichkeit. Eine Zumutung für die Bühne. Und eine Analyse auch für die Gegenwart.