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Düsseldorf: Precht-Premiere im ZDF glückt

Düsseldorf : Precht-Premiere im ZDF glückt

Dass wir uns mitten in der sonntäglichen Nacht noch grundsätzlich mit Bildungsfragen beschäftigten, war auch Kommissar Beck geschuldet. Der hatte uns im ZDF um 22 Uhr empfangen und dann bis 23.25 Uhr hinüberbegleitet – bis eben zu "Precht", der erstmals ausgestrahlten Philosophie-Sendung mit Deutschlands vielleicht schönstem Denker. Richard David Precht – Honorarprofessor und vor allem Bestsellerautor – saß mit weit geöffnetem weißen Hemd seinem Premieren-Gast Gerald Hüther gegenüber, der ist Hirnforscher aus Göttingen und weiß fast alles über Wissen und Bildung.

Und so kam es dann auch: Was Hüther in der gut 30-minütigen Sendung über unser Bildungssystem im Allgemeinen und die Schule im Besonderen zu sagen hatte, war schon imposant. Hier ging es von Beginn an nicht um irgendein Reförmchen, hier ging es um eine Revolution, die – will man die Zukunft meistern – so schnell wie möglich beginnen muss.

Warum vergessen wir später bloß das meiste, was wir mühsam in der Schule lernten? Weil wir nur wiedergeben mussten, was man uns vorgab und vorformulierte; weil wir für eine Klausur, für eine Note, für den Lehrer lernten. Und das reicht nicht, weil Bildung nach Hüther immer etwas ist, was sich kreativ ereignet und zunächst nie auf Erfolg und ein Ziel aus ist. Darum brauchen wir auch keine Lehrer, sondern "Entfaltungs-Coaches". Hüther ist kein Krakeeler; er weiß, wovon er spricht. Und wenn er auf Humboldt zurückgreift und deutlich macht, dass jedes Kind auf seine Weise hochbegabt ist, dann glaubt man das. Alles wird im Schulsystem nach Hüther rasant neu werden, aber nicht, weil wir das wollen, sondern weil wir das alte gar nicht leisten können. Wenn der Neurobiologe das so sagt, bekommt man es leicht mit der Angst zu tun.

Kurz und gut: Precht hatte mit seinem ersten Gast einen außerordentlichen Glücksgriff getan. Man möchte sich lieber nicht vorstellen, was bei dezenteren Gesprächspartnern passiert wäre. Denn in ihrer Dramaturgie ist "Precht" ein Dinosaurier. Zwei Männer, die übrigens noch einer Meinung sind, unterhalten sich nachts. Im Hintergrund huschen blaue Lichtkegel vorbei (etwa Geistesblitze?), und der einzig mögliche Kameraschwenk ist der auf ruhende Hände. Zudem ist Precht kein Journalist; er stellt kaum Fragen, hält lieber selbst kleine Vorträge. Schopenhauer muss darin mindestens vorkommen. Die Premiere ist dennoch geglückt: eine Millionen Zuschauer (Marktanteil 8,7 Prozent), das ist ein erster Achtungserfolg. Und vor allem ein Sieg über seinen Vorgänger Peter Sloterdijk, der mit seiner Philosophie-Runde zuletzt nur 330 000 Neugierige mobilisieren konnte.

(RP)