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Prag: Zwei neue Bücher zeigen die Geschichte der Stadt

Lesereisen in Corona-Zeiten : Tiefe Einblicke in die Geschichte der „Goldenen Stadt“

Zwei neue Bücher lassen den Leser unbekannte Facetten des historischen Prags entdecken. Das eine beschreibt einen Palast und seine wechselnden Bewohner. Das andere blickt auf die Mann-Dynastie und ihre vielen Beziehungen zu Böhmen.

(dpa) Hakenkreuze auf den Inventarzeichen der Möbel und jüdische Schriften in der Bibliothek – als Norman Eisen erstmals seine Residenz im Prager Villenviertel Bubenec erkundete, stolperte er über zahlreiche Zeugnisse ihrer langen und ereignisreichen Geschichte. Eisen, der für dreieinhalb Jahre als US-Botschafter in der tschechischen Hauptstadt lebte, war so fasziniert von den historischen Facetten und kleinen Geheimnissen der Villa, dass er beschloss, sich intensiver mit dem Gebäude auseinanderzusetzen. Das Ergebnis seiner Recherche: „Der letzte Palast von Prag“. Im Buch, das auf Deutsch im Propyläen-Verlag erschien, nimmt der amerikanische Rechtsanwalt den Leser mit auf eine Reise durch die Zeit.

Die Geburtsstunde der Villa markiert dabei der Traum des jüdischen Bankiers Otto Petschek, sich ein Zuhause nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Nicht zufällig erinnert die Front des kunstinteressierten Bauherren den Betrachter an Versailles. Neben der Erscheinung des französischen Prachtschlosses versammelt die Villa zahlreiche weitere europäische Einflüsse: „Jedes Land und jede Kunst und jedes Handwerk waren repräsentiert; die Arbeiten der flämischen Gobelin-Weber und der französischen Teppichhersteller; holländische Ölmalerei und englische Buchkünstler; deutsche Porzellanfabrikanten und böhmische Glasbläser“, schreibt Eisen.

Das wohl dunkelste Kapitel der Prager Geschichte hat Petschek nicht mehr miterlebt. Er starb im Juni 1934. Während des Zweiten Weltkriegs besetzte die Wehrmacht seinen Palast. Neuer Villenbewohner wird General Rudolf Toussaint. Eisen stellt ihn als jemanden dar, der auf Distanz zu den Nazis gestanden habe. Die Judikative der Tschechoslowakei sah das nach Kriegsende anders: Sie verurteilte den General zur lebenslangen Haftstrafe. Der Palast selbst überstand die Kämpfe um Prag ohne größere Schäden.

Eisen erzählt im Buch nicht nur die Geschichte der Villa und ihrer Bewohner, sondern thematisiert auch die seiner jüdische Familie. Seine Mutter Frieda wuchs im Osten der Tschechoslowakei in ärmlichen Verhältnissen auf, ein Kontrast zum Leben der reichen Petscheks. Sie überlebte das deutsche KZ Auschwitz und emigrierte später über Israel in die USA. Eisen wollte, dass sie während seines Aufenthaltes zu ihm nach Prag zieht. Er ist euphorisch über die Möglichkeit und seine neue Aufgabe, doch sie reagiert zunächst skeptisch: „Optimismus kann in Prag sehr gefährlich sein“, sagt sie mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen.

Auf andere Art nähert sich der Journalist Peter Lange der „Goldenen Stadt“. In einem neuen Buch berichtet er über die Verbindung der deutschen Literaten-Familie Mann zu Prag. „Prag empfing uns als Verwandte“ heißt der Band, der im Prager Vitalis-Verlag erschienen ist. Es geht um ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte der Manns, das zwischen der Vertreibung aus München und der Emigration in die USA spielt: die Erlangung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft.

Lange zeichnet akribisch nach, wie es dazu kam, dass zuerst Heinrich und später auch sein Bruder Thomas Mann den Eid auf den noch jungen Staat ablegten. In einer Zeit, als die Nationalsozialisten in Deutschland ihre Bücher verbrannten, half die Tschechoslowakei den Schriftstellern unbürokratisch mit einem Pass weiter.