1. Kultur

Pola Sieverding über ihre Arbeit als Fotografin

Interview mit Pola Sieverding : „Fotografie ist eine Art zu denken“

Die Fotografin Pola Sieverding spricht im Interview über ihre Herangehensweise an Motive, über ihr Team und über ihre künstlerisch vielseitige Familie.

Pola Sieverding (41), Tochter der Medienkünstler Katharina Sieverding und Klaus Mettig sowie Schwester des Musikproduzenten und DJ Orson Sieverding, nahm wie alle Mitglieder dieser kreativen Familie eine steile Karriere. Sie porträtierte den „Box-Papst“ Wilfried Weiser und filmte die schwitzenden Körper des Profisports Wrestling. Sie hielt die nächtliche Berliner Parallelwelt in „Nocturnal" fest und gehört zu den Initiatoren der Fotografie-Biennale duesseldorfphoto+. In der groß angelegten Ausstellung „Think We Must" (Denken müssen wir) in der Akademiegalerie bestätigt sie keinesfalls den Glauben der Bechers an das Weiterleben der Industrielandschaft in der Fotografie, sondern sucht nach neuen Möglichkeiten zur Erweiterung der Medien.

Sie vereinen im Ihrem Werk die lokale mit der globalen Kultur. Ich denke an Ihr Porträt vom Rotlicht-Milieu an der Vulkanstraße oder Ihren Beiträg zu den Schrebergärten Morgentau. Ihre Arbeiten sind stets auch gesellschaftlich verankert. Wie gehen Sie vor?

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Pola Sieverding Ich recherchiere jahrelang, um Beziehungen aufzubauen. Mich interessieren keine Sensationen. Ich habe für die Ausstellung "Nocturnal" im Berliner Projektraum Kanya & Kage zehn Jahre lang die nächtlichen Musikveranstaltungen meines Bruders Orson fotografiert. Mir als visueller Chronistin ging es um eine Form von Intimität und Ernsthaftigkeit gegenüber dem sozialen Raum des Clubs und dieser Musikszene in Berlin-Kreuzberg.

In Ihrer Hauptausstellung zur Düsseldorfer Fotobiennale präsentieren Sie etwa Walid Raad, der Grauzonen zwischen Glaubwürdigkeit und subtiler Lüge erzeugt. Worum geht es Ihnen?

Sieverding Wir wollen der Geschichte der Fotografie, die oft sehr einseitig erzählt wird, eine Vielfalt abverlangen. Ich begreife die Fotografie als eine Art zu denken. Bilder stehen immer in einem Zusammenhang. Der libanesische Künstler Walid Raad beschäftigt sich mit dem Bürgerkrieg im Libanon und seinen Machtverhältnissen. Wenn man die Geschichte leicht anders erzählt, gerät alles ins Wanken. Von Hito Steyerl haben wir einen frühen Film, den sie mit einer Freundin gemacht hat, die ihre Filmrolle im wirklichen Leben fortsetzte, in den kurdischen Untergrund ging, 1998 getötet wurde und in kurdischen Kreisen als unsterbliche Revolutionärin verehrt wird. Das fiktive Material im Film wird zu einer Art Dokument, das aber zwischen Fakt und Fiktion, Dokument und Erzählung schillert. Natürlich ist es auch toll, dass es technische Entwicklungen gibt, aber ich interessiere mich dafür, wie man Geschichten erzählt.

Wer ist ihre Ko-Kuratorin Asya Yaghmurian?

Sieverding Eine junge Armenierin aus Berlin, die schon beim nigerianischen Fotofestival „Lagos Photo" 2020 und 2022 kuratiert hat. Wir sind uns darin einig, dass es nicht die eine Fotografie-Geschichte gibt. Helmar Lerski etwa, zunächst Kameramann für Fritz Langs "Metropolis", emigrierte nach Palästina und machte dort 140 fotografische Großaufnahmen des Gesichts eines jungen Bauingenieurs, nur mit Sonnenlichtspiegeln. Kein einziges Porträt gleicht dem anderen. Ihm ging es nicht um das eine, repräsentative Bild, denn nur in der Vielheit kann man sich einer Person annähern. Frida Orupabo ist Soziologin und transferiert Archivmaterial, das die schwarzen Körper immer aus der gleichen Perspektive zeigt. Dieser inhaltliche und mediale Austausch ist uns wichtig.

Kurz noch ein Wort zu Ihrem Werdegang?

Sieverding Ich bin ja gleichsam in der Dunkelkammer meiner Eltern zur Welt gekommen, wollte zunächst Schauspielerin werden und stieß in Berlin auf den Schwarz-Weiß-Fotografen Dieter Appelt, der nicht nur Professor an der Hochschule der Künste war, sondern als Sänger im Chor der Deutschen Oper Berlin auftrat und mir Tipps für meine Vorspielrollen gab. Mir wurde allerdings bald klar, dass ich mein eigener Herr sein wollte. Als ich mit eigenen Videos an der Universität der Künste angenommen wurde, absolvierte ich das Grundstudium bei Dieter Appelt in Fotografie und Film und studierte anschließend bei dem Video- und Fotokünstler Stan Douglas, bei dem ich den Bezug zur Literatur und zum Narrativen kennenlernte.

Sie waren sogar an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh und am Surikov Institut in Moskau. Was gab es dort für Impulse?

Sieverding An der Universität in Pittsburgh konnte man mit verschiedenen Bausteinen Wissen tanken. Es gab eine intellektuelle Auseinandersetzung und Vernetzung der Kunst mit Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaften. Deshalb unterrichte ich auch grundsätzlich gern. So hatte ich von 2016 bis 2020 eine Gastprofessur mit Jorinde Voigt in der Klasse für Malerei an der Akademie in München.

Nun zum Familienclan. Worin liegt die Stärke?

Sieverding Wir sind im besten Sinn eine Produktionsfamilie mit einem starken Sinn für die Medien, aber wir sind auch eigenständige Produzenten, jeder mit einer eigenen Handschrift. Zugleich gibt es einen selbstverständlichen, auch kritischen und konstruktiven Austausch, denn wir arbeiten nicht im Elfenbeinturm.

Die letzte Frage gilt dem minimalen Team der Fotobiennale, in dem Sie die Hauptausstellung kuratieren. Was machen die Kollegen?

Sieverding Ljiljana Radlovic ist Projektleiterin und hält die organisatorischen Fäden zusammen. Der Galerist Rupert Pfab kümmert sich um das umfangreiche Rahmenprogramm, der Galerist Thomas Rieger agiert beratend. Alles funktioniert nur, indem wir alle besessen sind. Es gibt rund 45 Standorte mit 50 Ausstellungen, vom 13. Mai bis 19. Juni.