Plädoyer gegen Zeitverschwendung

Bestsellerautor Khaled Hosseini entführt die Leser mit "Traumsammler".

Es ist eine Geschichte, die im Kleinen beginnt. Mit einer afghanischen Familie – Vater, Sohn und Tochter –, die in Armut lebt, aber einander liebt. Besonders die Geschwister Abdullah, zehn, und Pari, drei, sind unzertrennlich. Umso tragischer, dass ihr Vater sie bald auseinanderreißt. Weil er fürchtet, seine Tochter nicht gut genug versorgen zu können, gibt er sie auf Vermittlung seines Schwagers Nabi in die Hände eines reichen Ehepaares in Kabul.

Suleiman und Nila Wahdati kümmern sich um Pari, und doch bilden die drei keine glückliche Familie. Die Ehe ist eine Farce, der Hausherr liebt heimlich seinen Koch und Chauffeur Nabi, Nila sehnt sich nach Freiheit und Abenteuer. Das ist, grob gesagt, das Grundgerüst dieses epischen Romans des amerikanisch-afghanischen Autors Khaled Hosseini (48), dessen erste beiden Bücher "Drachenläufer" und "Tausend strahlende Sonnen" weltweit rund 40 Millionen Mal verkauft wurden.

Aus dieser Konstellation entspinnt er eine weit verzweigte, komplexe Geschichte, in der es wechselnde Helden, Zeitebenen und Erzählperspektiven gibt, die sich immer wieder auf verblüffende Weise zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Er lässt den Leser durch Nabis Augen am bizarren Leben in der Villa Anfang der 50er Jahre teilhaben, lässt ihn beiläufig von zwei Jungen aus der Nachbarschaft erzählen. Diese kommen 2003 als Erwachsene zurück, inzwischen lässige Exil-Amerikaner, und wollen ihr altes Haus zurück. Einer von ihnen, Idris, spürt plötzlich sein schlechtes Gewissen, sieht das Elend des vom Krieg geschundenen Landes und möchte irgendwie helfen.

Zuhause in San Francisco besucht er regelmäßig ein afghanisches Restaurant, das ein Mann namens Abe betreibt. Dieser und seine Tochter werden später in den Mittelpunkt rücken, genau wie der griechische Arzt Markos, der 2009 von Nabi in Kabul einen wichtigen Brief erhält, oder Adel, der in einer protzigen Villa lebt, die genau an dem Ort steht, wo die kleine afghanische Familie, der Vater mit den Kindern Abdullah und Pari, früher gelebt hat.

Paris Schicksal, die mit ihrer Adoptivmutter Nali nach Frankreich auswanderte, ist ebenfalls eine der Säulen von "Traumsammler", sie lebt ein erfülltes Leben, und doch schmerzt dieser Verlust, der frühe Abschied von ihrem Bruder.

Es ist nicht immer leicht, beim Lesen den Überblick zu behalten. Übergangslos springt Hosseini zwischen seinen Schauplätzen und Geschichten von Kabul über Paris, Kalifornien und Griechenland hin und her. Doch schon nach wenigen Sätzen hat er den Leser mit seinem einfühlsamen, lebendigen Stil in die neue Geschichte gezogen, die sich als Teil des großen Ganzen erweist, manchmal auf so clevere Art, dass es einem Gänsehaut bereitet.

Alle Figuren vereint die Suche nach innerer Stabilität, die sich nur mit Selbstwertgefühl und geliebten Menschen erreichen lässt. Das Buch ist ein Plädoyer dafür, keine Zeit zu verschwenden, um dieses Ziel zu erreichen, zeigt aber, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist. Es fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.

(RP)
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