Plácido Domingo ignoriert Proteste, Yusif Eyvazov soll gemobbt haben.

Vorwürfe gegen Starsänger : Immer Ärger mit den Tenören

Plácido Domingo ignoriert in Berlin alle Proteste, und Yusif Eyvazov soll in Dresden eine Sopran-Kollegin gemobbt haben.

Tenöre leben bis heute auskömmlich von dem Klischee, sie seien eine aussterbende Spezies. Dieses Klischee ist längst widerlegt. Doch immer noch werden sie hofiert, wenn sie etwa einem Chor beitreten. Sie bekommen den Allerwertesten nachgetragen, bloß weil sie höher – nicht unbedingt schöner – singen als Baritone und Bässe.

Star-Tenöre gelten außerdem als charakterlich schwierig. René Kollo pflegte in Interviews alle Fragenden gern spüren zu lassen, dass er den Abstand zwischen sich und der unwissenden Restwelt als riesig empfand. Roberto Alagna verschwand in Mailand spurlos von der Bühne, nachdem er für eine Arie Buhs abbekommen hatte. Ebenso ungezogen benahm sich Franco Bonisolli, der aus Wut über das Publikum eine ganze Aufführung kippte.

Jetzt hört man, der aus Aserbaidschan stammende Tenor Yusif Eyvazov – so berichtet glaubhaft das französische Online-Portal „Forumopera“ – habe vor seinem Auftritt beim Dresdner Staatsopernball im Februar die armenische Sopranistin Ruzan Mantashyan rausgemobbt: Wenn sie singe, dann singe er nicht. So weit der Vorwurf.

Eyvazov ist ein Tenor mit etwas hartleibiger Stimme und wenig Farben im Timbre. Für den internationalen Opernzirkus ist er unentbehrlich, weil er der Ehemann von Anna Netrebko ist, mit der er häufig im Duett auftritt. In einem Instagram-Eintrag hat er nun die politischen Spannungen zwischen Aserbaidschan und Armenien angesprochen, aber die Mobbing-Geschichte wortreich dementiert. Der Veranstalter, der Eyvazov vermutlich nicht düpieren will, behauptet überdies, Frau Mantashyan habe nie einen Vertrag gehabt. Das ist seltsam. Denn ihr geplanter Auftritt wird etwa im Internet-Portal „Wirtschaft in Sachsen“ ausdrücklich erwähnt. Woher sollen die von Mantashyan sonst wissen als vom Opernball selbst? Und warum sollte die Sängerin sich eine solche Anschuldigung ausdenken? Mittlerweile hat der weltberühmte Dresdner Bassist René Pape seinen Kollegen Eyvazov davor gewarnt, „Hass nach Dresden zu bringen“.

Eine weitere Akte wurde in Berlin angelegt. Der frühere Tenor Plácido Domingo, der nun als Bariton um die Welt tingelt und mehr und mehr in den Ruinen seiner Stimme singt, sah sich mit der Forderung nach einem Auftrittsverbot für seine beiden Berliner Staatsopern-Auftritte konfrontiert; ihm wird aus früheren Jahren sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber Sängerkolleginnen vorgeworfen (das Domingo teilweise eingestanden hat). Hinter der Forderung steckte die Organisation Pro Quote Bühne, der Frauen im Theater angehören. Er überhörte sie.

Domingos Verhalten ist mehr als fragwürdig. Sämtliche US-amerikanischen Ämter hat er niedergelegt (wobei er mancherorts einem Rauswurf zuvorkam), doch in Europa tritt er neuerdings als Alles-nur-halb-so-wild-Showstar auf, der sich mit einer gewissen Dreistigkeit auch noch feiern lässt, so wie unlängst in Salzburg. Dort kam er einmal allein auf die Bühne und nahm die Huldigungen glühender ortsansässiger Verehrerinnen entgegen. Demut zeigt Domingo nicht, er kokettiert vielmehr mit seiner Umstrittenheit. In Berlin sang er übrigens den Vater Germont in Giuseppe Verdis Oper „La traviata“ – mit 78 Jahren. Auch das ist so unglaubwürdig, dass der Himmel weint. Ein Kritiker sprach von „vokaler Brüchigkeit“.

Tenöre haben die schönsten Arien, doch müssen sie sich in der Oper menschlich zuweilen grenzwertig verhalten, man denke nur an Wagners Lohengrin oder an Siegfried und Mime (beide im „Ring“), an Verdis Herzog (in „Rigoletto“) und Otello, an Puccinis Pinkerton (in „Madama Butterfly“). Tenöre in der Oper sind sowieso oft Machos und handeln heißblütig oder gar kopflos. Das färbt halt ab.