Picassos widerspenstige Muse

Picassos widerspenstige Muse

New York/Paris Große Künstler sind oft wie kleine Kinder. Ständig wollen sie beachtet, nach Möglichkeit auch belobigt werden. Und wehe der Frau, die sich mit einem solchen Mann einlässt! Sie muss sich darauf gefasst machen, dass sie sich seinem Willen unterzuordnen hat, ein Leben im Schatten des Titanen führt und nur mehr als Hilfskraft ihr Dasein fristet, noch dazu womöglich als eine neben anderen Frauen.

Blicken wir auf Picasso: Dora Maar hatte sich ihm zuliebe von der Fotografie ab- und der Malerei zugewandt; und was war der Dank? Picasso verliebte sich in die 40 Jahre jüngere Franoise Gilot. Das war 1943. Zehn Jahre hielt sie es mit ihm aus – eine Künstlerbeziehung, aus der die beiden Kinder Claude und Paloma hervorgingen. Dann kündigte nicht etwa Picasso, sondern Franoise die Verbindung auf – als Einzige der Frauen, die mit Picasso liiert waren.

Warum, das erfährt man aus ihrem 1964 erschienenen Buch "Leben mit Picasso". Darin beschreibt sie nicht nur Picassos künstlerischen Werdegang, sondern auch seinen Umgang mit Frauen und seine Ich-Bezogenheit. Und das klingt alles andere als schmeichelhaft.

Picasso hat sich darüber so sehr geärgert, dass er das Erscheinen des Bandes zu verhindern suchte – vergeblich. Erfolgreich war er erst, als er später die ganz große Keule aus dem Schrank zog, indem er allen Pariser Galerien untersagte, Franois Gilots Bilder auszustellen. Anderenfalls bekämen die Händler nie wieder ein Bild von ihm. Das war zu einer Zeit, als seine ehemalige Lebensgefährtin längst einen anderen Mann geheiratet, sich auch von diesem getrennt und das Malen wieder aufgenommen hatte.

Noch eine zweite Keule holte Picasso hervor: Bald nachdem er Jacqueline Roque geehelicht hatte, verbot er seinen Kindern Claude und Paloma, ihn weiter regelmäßig zu besuchen.

Wenn heute von Franoise Gilot die Rede ist, denkt man vor allem an Picassos "Muse", an seine druckgrafischen Darstellungen der Schönen, an jene Fotografie Robert Capas, die sie lachend unter einem von Picasso gehaltenen Sonnenschirm am Strand zeigt; man denkt an Auf- und Niedergang einer weltweit beachteten Liebe, aber vielleicht auch ein wenig an die 1500 Gemälde und 5000 Zeichnungen und grafischen Blätter, die sie selbst geschaffen hat und die in einer ausschließlich Arbeiten auf Papier umfassenden Auswahl ab 27. November in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen sein werden. Anlass ist Franoise Gilots 90. Geburtstag am kommenden Samstag.

In ihren Bildern spiegeln sich ihre Eindrücke von Reisen durch Indien, Griechenland und Ägypten in einem Zusammenspiel aus Organischem und Abstraktion wider. "Ich mag Arbeiten auf Papier auch deswegen so sehr", sagte sie einmal, "weil sich in ihnen meine Malerei vorbereitet. Meistens dominiert in den Zeichnungen ein figurativer Aspekt, mehr jedenfalls als in meiner Malerei." Natürlich ist das alles nicht annähernd so kühn komponiert wie bei Picasso; doch wollte sich Franoise Gilot durch ihre Abwendung von ihrem berühmten Partner wohl auch vor solchen Vergleichen in Sicherheit bringen.

Seit 1995, dem Todesjahr ihres letzten Ehemanns, des amerikanische Wissenschaftlers Jonas Salk, lebt sie abwechselnd in New York und Paris. Eine große Künstlerin? Wohl nicht. Aber eine, die ihren Weg gemacht hat. Mehr als das: eine, die durch ihre Eigenständigkeit auch andere Künstlerinnen ermutigt haben wird, zu entdecken und herauszuholen, was in ihnen steckt.

Info In den Kunstsammlungen Chemnitz ist vom 27. November 2011 bis zum 19. Februar 2012 eine Ausstellung zum Thema zu sehen: "Franois Gilot zum 90. Geburtstag. Zeichnungen 1941–2010"; geöffnet Di.–So. 11–18 Uhr; Eintritt: sieben Euro, ermäßigt 4,50 Euro

(RP)