Pharrell Williams enttäuscht in Düsseldorf

Düsseldorf : Pharrell Williams enttäuscht in Düsseldorf

Der US-Superstar gab ein Konzert vor 10 000 Fans im ISS Dome. Während des 90-minütigen Auftritts wurde klar: Der geniale Produzent und Sänger von unwiderstehlichen Welthits wie "Get Lucky" und "Happy" ist kein Performer.

Das muss man vorab klarstellen: Pharrell Williams ist der größte Popstar der westlichen Welt. Der 41-Jährige war eine Hälfte des Produzenten-Duos Neptunes und schrieb in den vergangenen 15 Jahren mehrere Dutzend Nummer-eins-Erfolge für Justin Timberlake, Britney Spears und Beyoncé. Er sang die unwiderstehlichen Hits "Get Lucky", "Blurred Lines" und "Happy", an denen niemand vorbeikommt, der mit dem Auto zur Arbeit fährt und nicht schnell genug das Radio ausschaltet. Sechsjährige singen seine Lieder mit, Frauen bewundern seinen Stil und Esprit, Männer seine Coolness und Lässigkeit. Er bringt die Welt in den Groove, er macht die Menschen tatsächlich ein bisschen glücklicher, er verbindet Generationen und Milieus per Fingerschnippen. Kurzum: Der Amerikaner könnte der neue Prince sein, ein Michael Jackson der Gegenwart. Aber seit seinem Auftritt in Düsseldorf weiß man, dass ihm dazu etwas fehlt: Der geniale Produzent ist kein Performer. Konzerte geben, das liegt ihm nicht.

Knapp 90 Minuten dauerte der Auftritt vor 10 000 Fans im ISS Dome. Die Bühne war schlicht gestaltet. Vier Treppen gehörten zur Dekoration und drei Leinwände, auf die zunächst Farben und später psychedelische Fantasielandschaften projiziert wurden. Williams stand verloren vor den Kulissen. Er trug Hut und viele Ketten, dazu ein T-Shirt der Rockband Rush. Er ließ sich umschwärmen von sieben Tänzerinnen in Bademänteln, verneigte sich vor Prince und Stevie Wonder. Er deutete an, aber formulierte nie aus: bisschen HipHop, etwas Funk, Flirt mit Rock. Seine Performance bestand darin, an den Bühnenrand zu treten, sich vorzubeugen und "Make some noise" zu rufen.

Williams und die vier Musiker schaukelten durch einige Songs des Albums "Girl", ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, die Reihenfolge habe einen höheren Sinn. Ohnehin entstand der Eindruck, Williams glaube nicht daran, dass seine Lieder ihn bräuchten - er betrieb die Umkehrung des Prinzips "It's the singer, not the song". Williams bezeichnete sich in den ausführlichen Zwischenansagen treuherzig als Feministen, lobte seine Tänzerinnen dennoch dafür, dass sie so gut mit den Pos wackeln können, und überließ ihnen dann die Bühne. Vom Band kam in seiner Abwesenheit ein Medley von Hits, die er für andere geschrieben hat - "Milkshake" von Kelis etwa, "Drop It Like It's Hot" von Snoop Dogg und "I'm A Slave 4 You" von Britney Spears.

Auch die Fortsetzung wirkte kühl. Kein roter Faden, keine Erzählung, eher Showcase denn Konzert. Williams brachte zwei Stücke seiner früheren Band N.E.R.D., ließ weitere Hits anderer Künstler zuspielen und füllte das Set mit Liedern vom Soloalbum auf. Irritierend war nicht der hohe Playback-Anteil, sondern dass diese Vorstellung musikalisch so unambitioniert geriet. Die Songs in den Medleys wurden wie Material und nicht wie die Kunstwerke behandelt, die sie doch sind: Refrain, Ende, nächstes Stück. Verfügemasse. Weiß er denn nicht, dass er diese durchaus raffiniert arrangierte Musik damit entwertet, zu Meterware macht, zum Produkt? Oder, noch schlimmer: Ist es ihm gleichgültig? Auch die Solosachen variierte Williams kaum, er improvisierte nicht, sondern reichte Dreieinhalb-Minuten-Häppchen dar. Hochglanzpolierte Perlen, deren Oberfläche so glatt ist, dass man sich darin spiegeln kann. Zwischendurch holte Williams Fans auf die Bühne. Erst eine Gruppe Jungs, dann eine Gruppe Mädchen, und jeden verabschiedete er einzeln. Auch ließ er jede Tänzerin zunächst einzeln bejubeln und dann noch mal als Kollektiv, und man fragte sich, ob er bloß nett war oder ob er Zeit schinden wollte.

20 Minuten vor dem Ende feuerte er die vier Hits ab, auf die das Gros der Versammelten die ganze Zeit gewartet hatte, deretwegen die meisten gekommen sein dürften. "Blurred Lines" und "Lose Yourself To Dance" wurden routiniert in die Halle gedrückt. Traurig geriet hingegen "Get Lucky", im Original ein funkensprühender Groover, den man mit talentierten Musikern anderthalb Stunden laufenlassen kann, ohne dass einer im Saal sich langweilen würde. Die Version hier war indes viel zu langsam, die funkigen Spitzen wurden gekappt, man konnte den Charme der Komposition nur mehr erahnen. Es lief also alles auf "Happy" zu. Das großartige Publikum, das sich trotz alledem amüsiert hatte, stand nun. Es sang mit und tanzte, es nahm den Song an sich, verleibte ihn sich ein und rettete den Abend. Pharrell dankte mit demütiger Geste für den Applaus. Ein Triumph sieht anders aus. Happiness auch.

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(RP)