Gastbeitrag von Präses Manfred Rekowski: Pfingsten — wenn Menschen über Gott reden

Gastbeitrag von Präses Manfred Rekowski: Pfingsten — wenn Menschen über Gott reden

Das Hochfest ist der Geburtstag der fast 2000 Jahre alten christlichen Kirche. In der Bibel wird von einem Brausen vom Himmel berichtet, das die Menschen mit vielen Sprachen einte und versöhnte.

Der Geburtstag der Kirche ist ein guter Grund zu feiern. Viele Christinnen und Christen tun dies auch — übrigens gleich an zwei Feiertagen am Sonntag und am Montag. Pfingsten ist der Geburtstag der fast 2000 Jahre alten christlichen Kirche. Demgegenüber wirken die 725 Jahre des Düsseldorfer Stadtjubiläums geradezu bescheiden.

Im Ranking der christlichen Feiertage liegt Pfingsten nicht sehr weit vorne. Vielleicht liegt es daran, dass nach so langer Zeit die Kirche nicht mehr in jeder Hinsicht taufrisch wirkt. Die lange Geschichte hat Spuren hinterlassen. Manchen Zeitgenossen gilt die Kirche heute eher als altmodische Institution oder als Relikt einer vergangenen Zeit. Manche sagen ihr nach, sie sei nicht auf der Höhe der Zeit, und erklären sie schon zum Auslaufmodell.

Aber es lohnt zu fragen, wie es denn mit der christlichen Kirche angefangen hat. Denn wenn man auf die Anfänge schaut, entdeckt man leichter, woher der Wind in der Kirche weht. Und Wind ist im Zusammenhang von Pfingsten ein gutes Stichwort: Mit der Kirche hat es sehr spektakulär angefangen. In der biblischen Pfingstgeschichte wird unter anderem von einem Brausen vom Himmel berichtet, einem gewaltigen Wind vergleichbar. Er erfasst das bunt gemischte Volk, das in Jerusalem zusammengekommen ist. Und dann beginnen Menschen von den großen Taten Gottes zu erzählen. Die Menschen verstehen einander, und sie verständigen sich untereinander. Grenzüberschreitende Verständigung steht am Anfang. Viele verschiedene Sprachen, unterschiedliche Milieus und verschiedene Bildungsstandards, Männer und Frauen, Junge und Alte sind vertreten. Das fällt auf: Von Anfang an ist die Kirche nicht "sortenrein". Vielfalt und Inklusion im umfassenden Sinne prägen die christliche Kirche von Beginn an.

Gottes Geist meldet sich zu Wort. Und dann hören Menschen, wie von den großen Taten Gottes erzählt wird. Vielleicht wird die uralte Befreiungsgeschichte vom Auszug Israels aus der Sklaverei erzählt. Oder die von der Bewahrung der Menschheit vor den Gewalten der Urflut. Oder davon, dass Gott Menschen nicht auf ihre Fehler festnagelt. Oder davon, dass Gottes Liebe am Ende stärker ist als der allgegenwärtige Tod.

Menschen hören in ihrer jeweiligen Sprache, wie andere von den großen Taten Gottes reden. Das tun Menschen ohne ein Theologiestudium. Menschen teilen ihren Glauben mit anderen ohne Amt und ohne Amtstracht. Sie erzählen, wie sie bewahrt wurden. Oder davon, wie die Kraft, Schweres zu tragen, wuchs. Oder wie sie sagen konnten: "Hier stehe ich, ich kann auch anders." Und wie sich etwas zu verändern begann. Oder sie erzählen, wie sie zu hoffen beginnen, obwohl nichts zu erwarten ist. Oder wie trotz Schuld ein neuer Anfang gelang. All das sind die großen Taten Gottes im Leben von Menschen. Auch davon haben sie vermutlich erzählt. Und viele erleben: Menschen, die vom Wirken Gottes sprechen, werden verstanden.

"Gottes Geist wirkt"

Gott wirkt in den Worten und Taten der Menschen, die sich auf ihn einlassen, ihm vertrauen und glauben. Christen sagen: Gottes Geist wirkt. Gott ist gegenwärtig. Eine Geistkraft berührt Menschen, verändert, ermutigt und bewegt sie. In einem neueren Pfingstlied heißt es: "Geist kannst du nicht sehen; Doch hör, wie er spricht tief im Herzen Worte voller Trost und Licht."

Pfingsten entstand kein Masterplan "Kirche weltweit". Pfingsten entstand etwas Provisorisches ohne institutionelle Korsettstangen. Noch ganz ohne Lehrbücher, ohne Amtsträger, ohne Gebäude und ohne Kirchengesetze. Gott greift ein. Er erfasst Menschen. Er bewegt Menschen. Er bringt Menschen zusammen. Er spricht Menschen an. Und so entstehen die Anfänge der christlichen Kirche.

Auf dem Weg durch die Jahrhunderte hat sich viel verändert. Während am Beginn die große Verständigung stand, haben wir heute unüberwindbar erscheinende Trennungen und Spaltungen. Ein ökumenischer Pfingstgottesdienst an einem der beiden Feiertage ist nicht überall möglich. Aber — da bin ich mir ganz sicher — Gottes Geist sorgt immer wieder für Überraschungen. Manchmal kommt er als "wind of change".

Ich habe den Traum und den festen Glauben: Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen kommen zusammen und erzählen von den großen Taten Gottes. Sie erzählen von der Wiederentdeckung der Heiligen Schrift in der Reformationszeit. Und sie erzählen sich auch von den Sternstunden des zweiten Vatikanischen Konzils. Und vom Glauben, der in Bewegung setzt. Und sie verstehen einander. Und ein neues Kapitel in der Geschichte der christlichen Kirche beginnt. Es beginnt so wie damals zu Pfingsten mit der Erinnerung an die großen Taten Gottes.

(RP/felt/csi)
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