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Pfeiffer-Poesgen: „Theater sind noch sehr hierarchisch strukturiert“

Interview mit NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerium Isabel Pfeiffer-Poensgen : „Theater sind immer noch sehr hierarchisch strukturiert“

An Baustellen in der Kultur des Landes mangelt es derzeit nicht: die bedrohliche Lage vor allem der Freien Szene spitzt sich zu, das Schauspielhaus arbeitet Rassimsus-Vorwürfe auf, und der Standort des deutschen Foto-Instituts ist weiterhin umstritten.

Wie geht es Ihrem Eindruck nach vor allem der Freien Szene nach einem Jahr Pandemie?

Pfeiffer-Poensgen Die größte Belastung für die meisten Künstlerinnen und Künstler liegt darin,  nicht auftreten zu können. Und das können wir leider angesichts der pandemischen Lage kaum beeinflussen. Wir versuchen daher zumindest, den Betroffenen  wirtschaftlich  zu helfen - und haben darum erneut 15.000 Künstlerstipendien in einer Gesamthöhe von 90 Millionen Euro ausgeschrieben. Innerhalb von nur einer Woche haben uns schon mehr als 7500 Anträge erreicht. Das zeigt mir, dass wir hier das richtige Programm aufgelegt haben. Wir wollen ja, dass die Künstler weiter an ihren Vorhaben und Projekten arbeiten können, auch für die Zeit nach der Pandemie. Neben dieser individuellen Unterstützung greifen wir mit unserem Kulturstärkungsfonds auch vielen Einrichtungen weiter unter die Arme. Wir fragen unter anderem  regelmäßig kleinere Einrichtungen, wie etwa soziokulturelle Zentren, ab,  um zu erfahren, wo Hilfe jetzt sehr nötig ist. Mit dem Geld aus dem Kulturstärkungsfonds wollen wir  helfen, die Kultur-Strukturen zu erhalten.

Verlagert sich durch die Pandemie die Kulturförderung mehr von den Kommunen auf das Land NRW?

Pfeiffer-Poensgen Sicherlich sind wir als Land in dieser Krisensituation besonders gefordert und kommen dem ja auch nach: Neben den speziellen Corona-Hilfen halten wir an unserem grundsätzlichen Versprechen fest, den Kulturetat in dieser Legislaturperiode um insgesamt 100 Millionen Euro auf dann 300 Millionen zu erhöhen. Das gilt weiter – trotz Corona. Aber nach wie vor finanzieren die Städte den größten Teil der Kultureinrichtungen, rund 70 Prozent. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass auch die Kommunen weiter zur Kultur stehen.

Werden im Spätsommer dieses Jahres wieder Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel möglich sein?

Pfeiffer-Poensgen Auch wenn es oft nicht leicht fällt, bleibe ich Optimistin  und hoffe, dass es nach den Sommerferien wieder losgehen kann. Open-Air-Veranstaltungen vielleicht noch früher. Das Bedürfnis nach Kunst und Kultur in der Gesellschaft jedenfalls ist riesig, wie man allein schon an der hohen Nachfrage etwa nach der Warhol-Ausstellung in Köln oder der Heinz-Mack-Ausstellung hier in Düsseldorf  sehen konnte.

Und bis dahin begnügen wir uns weiter mit unendlich vielen Streaming-Angeboten …

Pfeiffer-Poensgen … die sich aber  in den vergangenen Monaten auch sehr weiterentwickelt haben. Am Anfang war das  natürlich notgedrungen noch so ein bisschen „Handmade“, eine Aufführung wurde quasi nebenbei mitgefilmt. Inzwischen haben sich viele Einrichtungen  auf diesem Feld unglaublich professionalisiert. Jetzt sind von etlichen Produktionen  richtig gut gemachte Videos im Netz zu sehen. Die Nachfrage danach ist nach wie vor da, aber natürlich wollen die Menschen Konzerte oder Theateraufführungen bald auch endlich wieder live erleben.

Was kann aber jetzt schon getan werden?

Pfeiffer-Poensgen Wir müssen überlegen, wie wir die Spielstätten, wenn sie denn öffnen dürfen, so gestalten, dass die Menschen sich darin auch wieder sicher fühlen können. Wir haben dazu die Deutsche Theatertechnische Gesellschaft  beauftragt, die26 größten Häuser in NRW unter diesem Aspekt zu prüfen und zu beraten. Das werten wir gerade aus. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass 80 Prozent der untersuchten Häuser die Anforderungen an eine pandemiegerechte Lüftung erfüllen. Das ist ein ermutigendes Signal.

In Düsseldorf plant man das große Festival Theater der Welt jetzt ab dem 17. Juni – auf einer offenen Bühne gleich vor dem Theater.

Pfeiffer-Poensgen Das finde ich  eine gute Idee. Und das Festival-Programm ist so schön, dass ich nur hoffen kann, dass manches davon auch wirklich gezeigt werden kannte. Wirklich planbar ist das angesichts der derzeitigen Pandemielage aber noch nicht.

Das Land ist neben der Kommune Träger des Düsseldorfer Schauspielhauses. An dem werden seit einiger Zeit Debatten über einen rassistischen Vorfall im Ensemble geführt. Was lässt sich strukturell ändern, um solche Vorfälle künftig zu verhindern?

Pfeiffer-Poensgen Es hat mich sehr  erschüttert, dass es Menschen im Schauspielhaus gibt, die offenbar rassistische und diskriminierende Erfahrungen machen mussten. Es ist absolut notwendig und auch richtig, dass das Schauspielhaus die Vorwürfe aufklärt, auch mit externer Hilfe. Es ist wichtig, wenn dieser Prozess  von jemandem moderiert wird, der eben nicht im Schauspielhaus arbeitet. Daneben hat die Theaterleitung sicher auch Recht, wenn sie die Vorfälle auch in einen größeren Kontext einordnet, weil dieses Thema eine grundlegende Bedeutung für viele vergleichbare Kultureinrichtungen hat. Denn am Ende wird es auch um die Veränderung von bestehenden Strukturen am Theater gehen – und zwar bundesweit. Theater sind vom Grundsatz her immer noch sehr hierarchisch strukturiert. In einem solchen Prozess muss man bereit sein, vieles in Frage zu stellen. Das ist eine ziemlich grundsätzliche Arbeit; aber der müssen wir uns jetzt stellen.

Wenn ein Teil der Ursachen in den Strukturen liegen, dürften auch andere Theater betroffen sein?

Pfeiffer-Poensgen Natürlich. Wenn ein einziger Gastbeitrag eines Dramaturgen in der FAZ hierzu eine Erwiderung hervorruft, die 1400 Menschen unterschreiben, dann ist das ein klarer Hinweis, dass hier Fragen angesprochen werden, die viele Theaterschaffende bewegen, nicht nur in Düsseldorf. Man wird am Ende einen Weg finden müssen, wie Entscheidungsabläufe im Theater und Fragen der Rollenbesetzung mit den künstlerischen Fragen und deren besonderen Anforderungen in Einklang gebracht werden können.

Eine andere Kulturdebatte in NRW kreist um den Standort des Deutschen Fotoinstituts. Erst sollte es in Düsseldorf stehen, dann in Essen. Jetzt steht eine Teilung der neuen Einrichtung auf beide Städte im Raum. Ist das eine glückliche Lösung?

Pfeiffer-Poensgen Aus meiner Sicht stehen jetzt zunächst die Inhalte im Fokus. Wir sprechen hier von einer nationalen Einrichtung. Monika Grütters als Kulturstaatsministerin hat angekündigt, dass sie jetzt noch einmal alle Akteure an einen runden Tisch bringen wird, um zu versuchen, eine Brücke zwischen den verschiedenen inhaltlichen Ansätzen zu bauen. Ein nationales Fotoinstitut hat einen umfassenden Arbeitsauftrag, vergleichbar etwa mit dem Literaturarchiv in Marbach. Ich bin daher sehr froh, dass dieses  Bundesinstitut für Fotografie nach NRW kommen soll.