Peter Kraus: 80. Geburtstag und seit 60 Jahren auf der Bühne

Interview mit Peter Kraus : „Auf der Bühne fühlt man sich ja immer jung“

Der Sänger über Elvis, Helene Fischer, seine Goldene Hochzeit und darüber, warum er seine Abschiedstourneen nicht mehr zählt .

Vor drei Wochen ist Peter Kraus 80 Jahre alt geworden. Vor 60 Jahren brachte er sein erstes Album heraus. Nun gibt er wieder Konzerte, es ist seine dritte oder vierte Abschiedstournee – so genau weiß er das auch nicht mehr.

Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als Sie Elvis gesehen haben?

Kraus Als ich ihn das erste Mal sah, stand ich längst selbst auf der Bühne. Es war nicht so, wie man sich das heute vorstellt, dass man alles sofort gesehen hat. Ich habe nur gehört, dass es in Amerika einen Mann gibt, der unsittliche Bewegungen auf der Bühne macht, tolle Lieder singt, und dass die Mädchen dabei in Ohnmacht fallen. Das hat mich fasziniert. Den Hüftschwung habe ich mir also eher gedacht und vor dem Spiegel meiner Eltern ausprobiert: Wie könnte das sein? Mein Hüftschwung hatte mit dem von Elvis erstmal nicht viel zu tun.

Wie hat Rock ’n’ Roll Ihr Leben verändert?

Kraus Als ich zum Rock’n’Roll kam, war ich 14 Jahre alt. Vorher hatte ich mich mit Swing-Musik beschäftigt, mit Jazz, mit Blues. Ich habe gesehen, dass das sehr schwierig ist und mich gefreut, dass jetzt endlich eine Musik für die Jugend da ist. So war es tatsächlich eine kleine Revolution, den Rock ’n’ Roll gegen die Eltern durchzusetzen. Ihnen wurde damit das Zepter aus der Hand genommen über die Jugend, die ja eigentlich die Musik von Papa und Opa hören sollte.

Waren Sie als Künstler auf der kämpferischen oder der braven Seite des Rock ’n’ Roll?

Kraus Ich habe versucht, eine Musik für die Jugend zu machen, aber das war trotzdem nicht unbedingt der klassische Rock’n’Roll, sondern eine Musik, die auch den Eltern gefällt. Die Zeit war eine andere als heute: Wenn die Eltern nicht mitmachten, haben die Kinder auch nicht die vier D-Mark für die Platte bekommen. Ich weiß auch nicht, wieso, aber heute haben die Kinder ja Geld. Früher gab es das nicht. Es war für mich also ein Balance-Akt zwischen dem rebellischen Typen, den die Jugend gut findet, aber auch dem netten Schwiegersohn, den die Mama mag, damit die Kohle rauskommt. Der originale Rock’n’Roll von Little Richard oder Chuck Berry ist hierzulande ja erst durch sein erstes Comeback, durch die Beatles und die Stones groß geworden.

Sie waren in Deutschland und Österreich also auch ein Geburtshelfer dieser Musik.

Kraus Der Importeur, sage ich immer.

Sie treten auf Ihrer kommenden Tour in der Grugahalle in Essen auf. Da gab es 1958 richtige Unruhen der sogenannten Halbstarken während eines Bill-Haley-Konzerts. Wie haben Sie das erlebt?

Kraus Das war die dunkle Seite des Rock’n’Roll. Ich habe Bill Haley, den ich sehr verehre, in Berlin erlebt. Das war im Sportpalast, wo es auch Ausschreitungen gab, und ich bin sicher, das war alles organisiert. Damals dachte ich: Wenn das so weitergeht, möchte ich kein Rock’n’Roller mehr sein. Bill Haley hat am Schluss die Leute zum Kochen gebracht, dann kamen die Roadies und haben in kürzester Zeit die ganze Bühne mitsamt Instrumenten leer geräumt. Keine Zugabe. Aus. Schluss. Basta. Dass dann der Saal kaputt geschlagen wird, war eigentlich logisch.

2014 waren Sie schon einmal auf Abschiedstour. Was zieht Sie immer wieder zurück auf die Bühne?

Kraus Naja, wir haben sie ein bisschen verlängert. Es ist jetzt die dritte oder vierte Abschiedstour. Letztlich ist es das Publikum. Man will mich nicht aufhören lassen.Und so lange ich mich fit fühle . . . Das neue Programm ist eine Hommage an meine großen Kollegen, und das ist das, was meine Fans immer von mir hören wollten. Es ist konzentriert auf die Musik der 1950er und 1960er Jahre. Das habe ich früher nie gemacht, weil ich immer neue Titel dazu gespielt habe. Jetzt geht es wirklich darum, wie ich den Rock ’n’ Roll kennengelernt, wie ich ihn verteidigt und für ihn gekämpft habe. Das erzähle ich mit lockeren, lustigen Worten. Und wir bringen den Zeitgeist von damals auch so auf die Bühne: Wir haben keine ausufernden Lichteffekte, wir sind nicht so laut. Man nannte die Zeit damals wild, aber eigentlich war alles ruhiger. Ich mache keine Party, sondern ein Konzert mit akustischen Instrumenten. Ich versuche, aus der Halle, in der ich bin, ein Wohnzimmer zu machen.

Ist das ein Problem des Schlagers heute, dass es zu viele Klänge und Beats aus Synthesizern und Computern gibt?

Kraus Ja, sicher, weil alles auf Partysound geht heutzutage. Wahrscheinlich wird etwas anderes heute gar nicht mehr im Radio gespielt. Wenn ich es aufdrehe, macht es immer nur Tschack, Tschack, Tschack. Immer dieselbe Art von Musik.

Aber eine Kollegin wie Helene Fischer bewundern Sie?

Kraus Ja! Weil sie einen Weg gefunden hat, die Leute in die Halle zu bringen mit ihrem Schlager und ihnen dort dann präsentiert, was sie sonst noch alles draufhat und sie in andere Richtungen einweiht. Sie spielt zum Beispiel Musical-Welthits und auch Rockmusik. Ähnlich ist es bei mir: Ich singe „Sugar Baby“, weil es meine Visitenkarte ist und dann müssen die Leute zuhören, was ich sonst noch so mag.

Sie sind vor kurzem 80 Jahre alt geworden. Wie fühlt sich das an?

Kraus Ja, mein Gott, der 80., das muss halt sein. Es ist ein bisschen problematisch, weil ich mich mit der Zahl 80 natürlich nie beschäftigt habe und jetzt ununterbrochen damit konfrontiert wurde. Das drückte ein bisschen auf die Seele. Auf der Bühne fühlt man sich ja immer wahnsinnig jung. Aber jetzt ist das Gerede um die 80 ja wieder vorbei und es gibt kein Alter mehr und das Leben geht locker weiter. Ich nehme das nicht so ernst. Viel toller finde ich die 50 Jahre Ehe. Das ist etwas, das man wirklich feiern kann!

Hätte das Ihr 20-jähriges Ich gedacht, dass Sie einmal Goldene Hochzeit feiern?

Kraus Mit 20 noch nicht, weil ich meine Frau da noch nicht kannte. Aber als wir die ersten Jahre zusammen waren, hatte ich bald das Gefühl: Das schaffen wir leicht.

Haben Sie ein Fitnessprogramm?

Kraus Was ich regelmäßig mache ist die Lifte auslassen und Treppen gehen. Ich habe Zuhause ein Trampolin, mein Segelboot und mein Kanu, ich stehe auf einem Bein beim Zähneputzen. Viele Dinge kann man nebenbei machen, aber ich habe kein Programm in dem Sinne, dass ich aufstehe und eine halbe Stunde Sport mache. Dazu bin ich zu faul.

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