Pascalina – die Deutsche im Vatikan

Pascalina – die Deutsche im Vatikan

An Karfreitag und Karsamstag zeigt das Erste einen Zweiteiler über die bayrische Nonne Pascalina, eine einflussreiche Frau im Vatikan: Sie war die Haushälterin von Papst Pius XII. Das Drehbuch hat die Düsseldorferin Henriette Piper mit der Historikerin Gabriele Scheidt verfasst.

Wie sind Sie auf das Leben der Nonne Pascalina aufmerksam geworden?

Piper Dieses Projekt ist uns in den Schoß gefallen. Die Berliner Produzentin Regina Ziegler hat uns gefragt, ob wir diesen Zweiteiler schreiben wollen. Es gab eine Biografie-Vorlage, den Rest mussten wir recherchieren. Darum war ich froh, dass ich mit Gabriele Scheidt eine promovierte Historikerin an meiner Seite hatte. Und dann stellte sich sogar heraus, dass es einen familiären Zusammenhang zwischen ihr und der Geschichte gibt.

Scheidt Ja, mein Großvater war vor Ernst von Weizsäcker deutscher Botschafter im Vatikan. Es gibt ein Foto, das meine Mutter als kleines Mädchen mit Pius XI. zeigt.

Piper Das hat die Geschichte gleich greifbar gemacht und uns ein wenig Respekt vor dem Stoff genommen. Das Foto war ein gutes Omen.

Wie haben Sie sich das historische Hintergrundwissen verschafft?

Scheidt Das ist ähnlich wie bei einer Doktorarbeit: Man liest in der Bibliothek, macht Notizen, versucht, so viele Details zu inhalieren bis man so gesättigt ist, dass man beim Schreiben nicht mehr viel nachdenken muss. Das historische Wissen fließt dann seltsamerweise automatisch im rechten Moment ein.

Für einen solchen biografischen Film muss man auch über den Alltag einer vergangenen Zeit Bescheid wissen. Wo finden Sie solche Informationen?

Piper Man liest viel – auch Kaufhauskataloge der Zeit. Ertragreich war auch die Autobiografie von Schwester Pascalina, der wir kleine Geschichten entnehmen konnten. Etwa, dass Pius XII. einen kleinen Vogel gefunden hat, den er dann immer um sich hatte. Oder dass er begeistert war vom Autofahren, er mochte Geschwindigkeit und hatte Lust an technischen Neuerungen. Er hatte zum Beispiel sehr früh einen elektrischen Rasierapparat.

Wie haben Sie sich dem Leben einer Nonne genähert?

Piper Wir sind unter anderem in das Mutterkloster ihres Ordens in der Schweiz gefahren und haben dort eine Einkehr mitgemacht. Das war sehr bewegend.

Scheidt Wir haben dort viel von dem verstanden, was christliche Spiritualität ausmacht: sich auf sich selbst zu besinnen und sich zugleich Gott zuzuwenden etwa. Die Nonnen in dem Ableger von Kloster Menzingen, in dem wir einige Tage verbringen durften, haben uns tief beeindruckt.

Wo findet sich das im Drehbuch?

Piper Im Figurenverständnis. Wir wollten wissen, was Pascalina wohl gefühlt hat, wenn sie sich zum Gebet niederkniete und sich ganz in sich versenkte. Das muss man nachempfinden, um die Figur authentisch zu gestalten.

Wie würden Sie Pascalina charakterisieren?

Piper Heute würde man sie eine Hochbegabte nennen. Ins Kloster zu gehen, war für sie auch eine Bildungschance und Aufstiegsmöglichkeit. Sie ist von ihrem Vater unterdrückt und mit Neid konfrontiert worden. Aber sie ist ihren Weg unbeirrt gegangen, bis sie im Vatikan wirklich viel Einfluss hatte.

Wie schreibt man zu zweit ein Drehbuch?

Scheidt Ich bin für das Dramaturgische, für den Aufbau des Buches zuständig. Ich habe als Lektorin von Drehbüchern angefangen und so gelernt, die Struktur von Geschichten zu bewerten. Ich bin also das analytische Element, Henriette Piper hat die unverwechselbare Feder, den Piper-Ton.

Sie haben erfolgreiche Familienserien wie "Aus heiterem Himmel" oder Jugendfilme wie "Bibi Blocksberg" und "Das fliegende Klassenzimmer" geschrieben. Warum dieses Segment?

Piper Frauen waren damals eine Minderheit bei den Drehbuchschreibern. Und Frauen mit Familie waren und sind noch seltener, also waren anfangs Familienstoffe das natürliche Sujet für mich. Inzwischen habe ich mir aber auch andere Sendeplätze erobert. Das war nicht einfach, es gibt eine gläserne Decke für weibliche Autoren, aber ich schreibe jetzt auch Krimis, etwa "Der Kommissar und das Meer". Und historische Stoffe – wie über das Leben der Pascalina.

Welches Genre liegt Ihnen am meisten?

Piper Zur Zeit vielleicht historische Stoffe. Daraus können sich dann aber durchaus auch mal aktuelle Themen ergeben. Unser nächstes Projekt zum Beispiel orientiert sich an der Familiengeschichte von Gabriele Scheidt.

Scheidt Ich stamme aus einer alteingesessenen Kettwiger Textilunternehmerfamilie. Mein Vater hat die Firma schließen müssen, als sich die Textilindustrie nach Asien verlagert hat. Also entstand für ihn und auch für meine Geschwister und mich die Frage, wie wir mit diesem Erbe umgehen. Dabei kann es natürlich Interessenskonflikte geben. Da beginnt dann die Fiktion: Man kann aus dieser Konstellation familiäre Konflikte entwickeln. Auch die Frage nach der gläsernen Decke, an die Frauen in einem Geschwisterverband stoßen können, wird eine Rolle spielen.

Wie viel Klischee verträgt gute Fernsehunterhaltung und wie viel ist womöglich nötig?

Piper Wir bemühen uns immer, wahrhaftige Figuren zu schaffen. Welche Farbe die Geschichte dann hat, ob sie auch düsterer und härter sein darf, hängt davon ab, an wen man den Stoff verkauft. Die Redakteure in den Sendeanstalten haben meist klare Vorstellungen davon, wie sie ihre Sendeplätze bestücken wollen. Das ist manchmal schwierig, oft aber auch hilfreich.

Scheidt Ja, die erste Drehbuchfassung ist meistens die einfachste. Dann kommen Einwürfe der Produzenten, manchmal auch gar nicht zu Unrecht, dann muss man umarbeiten. Das kann einem gegen den Strich gehen, man muss aber da durch.

Wie ist es, am Ende den eigenen Stoff im Fernsehen zu sehen?

Piper Das geht von schön über fremd bis zu schrecklich, wenn Regie, Besetzung oder Musik nicht den eigenen Bildern im Kopf entsprechen. Da kann man schon mal leiden.

Wie zufrieden sind Sie nun mit dem Ergebnis, dem Zweiteiler "Gottes mächtige Dienerin"?

Piper Sehr. Das ist eine sehr würdige, aber auch spannende, dem Stoff angemessene Umsetzung geworden, Christine Neubauer und Remo Girone spielen wunderbar zusammen. Wir haben beim Zuschauen am Ende tatsächlich ein paar Tränchen geweint.

(RP)
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