Deutsche Kirchenreformen in der Kritik Blauer Brief aus Rom

Analyse | Rom · Papst Franziskus „fremdelt dauerhaft“ mit der deutschen Kirche und schaut kritischer denn je auf ihre Reformprozesse. Jüngstes Beispiel ist sein Brief an vier besorgte Christinnen. Danach scheinen sich für den Papst Teile der Kirche hierzulande „immer weiter vom gemeinsamen Weg der Weltkirche zu entfernen“.

 Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Generalaudienz.

Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Generalaudienz.

Foto: dpa/Andrew Medichini

Briefe aus Rom verheißen für die katholische Kirche hierzulande schon seit geraumer Zeit wenig Gutes. Zumindest für die reformwilligen Kräfte. Das jüngste Schreiben von Papst Franziskus ist wieder mal ein Antwortschreiben – diesmal auf eine Anfrage vier besorgter Christinnen aus Deutschland. Ihre Bedenken zum rechten Weg der deutschen Katholiken teilt Franziskus: Er sei in „Sorge über die inzwischen zahlreichen konkreten Schritte, mit denen sich große Teile dieser Ortskirche immer weiter vom gemeinsamen Weg der Weltkirche zu entfernen drohen“, schreibt der Heilige Vater. Und damit zu seinen Worten keine Missverständnisse aufkommen können, ist der römische Brief auf Deutsch verfasst, zudem handschriftlich mit „Franziskus“ unterzeichnet.

Mit den „zahlreichen konkreten Schritten“ sind die Beschlüsse des Reformprozesses vom Synodalen Weg gemeint, auf dem Bischöfe und Laien in den zurückliegenden vier Jahren Reformen etwa zu Sexualmoral und kirchlicher Hierarchie, Pflichtzölibat und einem Weiheamt für Frauen Mehrheiten fanden. Begleitet wurden solche Reformpapiere aber immer schon von römischen Einwänden und gipfelten im päpstlichen Bonmot, dass die katholische Kirche bereits eine protestantische in Deutschland habe und daher keine zweite bräuchte.

Konkreter wurde es dann zu Beginn dieses Jahres, als Rom die Bildung eines Gremiums wie den Synodalen Rat untersagte. Auch dieses Votum war eine Art Antwortschreiben. Damals hatten besorgte Bischöfe angefragt – unter ihnen Kardinal Rainer Maria Woelki sowie die Bischöfe Bertram Meier und Rudolf Voderholzer –, ob sie in einem solchen Ausschuss mitarbeiten müssten. Dieses Gremium ist unlängst in Essen ins Leben gerufen worden, in dem Bischöfe und Laien einen Synodalen Rat planen. Dazu der Papst: Ein „Beratungs- und Entscheidungsgremium“, wie es derzeit vorbereitet werde, sei „mit der sakramentalen Struktur der katholischen Kirche nicht in Einklang zu bringen“.

Wer die Worte von Papst Franziskus ernst nimmt – wozu es nach den hierarchischen Gegebenheiten der katholischen Kirche eigentlich keine Alternative gibt –, wird zu dem Ergebnis kommen müssen, dass sie das Ende des hoffnungsvoll begonnenen Reformwegs markieren. Ohnehin habe der Papst nach den Worten des Bonner Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke nie einen Zweifel daran gelassen, dass er dem deutschen Synodalen Weg insgesamt skeptisch gegenüberstehe. „Mit seiner jetzigen, erstaunlich prompten und gezielt terminierten Antwort beharrt der Papst auf seiner Position und zeigt: Er hat die interpretatorischen Fluchtversuche der deutschen Synodalen durchschaut. Und: Er ist offenbar nicht länger bereit, seine kritischen Äußerungen und Vorgaben gegen deren klar erkennbare Intentionen umdeuten und sich wie einen Grüßonkel behandeln zu lassen“, so Lüdecke gegenüber unserer Zeitung.

Ähnlich ist die Einschätzung des Theologen und Kirchenrechtlers Thomas Schüller aus Münster: „Franziskus fremdelt dauerhaft und nicht mehr therapierbar mit der deutschen Kirche und sieht kritisch auf ihre Reformprozesse.“ Dennoch glaubt Schüller – er zählt zu den gewählten Mitgliedern des Synodalen Ausschusses – noch nicht an ein Aus für deutsche Reformbemühungen. Er verweist auf die Bischofssynode, die im Oktober in Rom tagte und auf der gefordert wurde, solche Räte zu etablieren, die den Glaubenssinn aller Gläubigen mit der amtlichen Vollmacht der Bischöfe bewahren. „In diesem Korridor werden sich auch die Beratungen im Synodalen Ausschuss bewegen“, sagte Schüller unserer Zeitung. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist um konstruktive Deutung des Papst-Briefes bemüht: Die Autorität der Deutschen Bischofskonferenz werde nicht infrage gestellt, heißt es in einer übersichtlichen Stellungnahme. Die Bischöfe der römisch-katholischen Kirche unterstünden dem Papst, worauf es jetzt aber ankomme, ist „ihre Verwurzelung in den Teilkirchen zu stärken. Wie auf der Weltsynode gefordert, bringen sie ihre Autorität auf dem Synodalen Weg ein. Katholische Synodalität gibt es nur mit dem Papst und den Bischöfen, nicht ohne oder gar gegen sie. Synodalität verbindet Rom und die Ortskirchen weltweit.“

Wie groß der Spielraum der hiesigen Bischöfen überhaupt noch ist, bleibt abzuwarten. Lüdecke jedenfalls ist skeptisch: „Man darf gespannt sein, wie lange deutsche Bischöfe dieses Spiel dennoch weiterzuspielen versuchen. So sehr die von ihnen geweckten Erwartungen sie zum Erfolg verurteilen, so sicher ist, dass sie irgendwann den Offenbarungseid werden leisten müssen“, sagt er. Auf den Brief aus Rom reagierte die Deutsche Bischofskonferenz erst einmal diplomatisch geschickt. So erklärte ihr Sprecher Matthias Kopp auf KNA-Anfrage, dass der Brief von Papst Franziskus an vier Frauen gerichtet sei und man von seiner Existenz nur aus den Medien erfahren habe. „Da wir nicht Empfänger des Briefes sind, werden wir diesen nicht kommentieren.“

Das Schreiben aus Rom dürfte nicht allein nachhaltigen Einfluss auf weitere deutsche Reformbemühungen haben, sondern könnte auch das Kräfteverhältnis der Bischöfe neu justieren. So wiederholt das Schreiben von Franziskus nach Schüllers Worten die bereits mehrfach von ihm geäußerte Sorge, dass die deutsche Kirche über neue Strukturen die wesentlichen Inhalte wie Evangelisierung und nahe bei den Ärmsten zu sein vergessen würde. „Damit stärkt er die Gruppe der vier Bischöfe, die genau dieses Argument ins Feld führen, und unterstützt sie in ihrer Skepsis über die Ergebnisse des Synodalen Weges und der begonnenen Arbeit im Synodalen Ausschuss“, so der Kirchenrechtler.

Mit den vier Bischöfen sind der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki sowie die Bischöfe Stefan Oster aus Passau, Rudolf Voderholzer aus Regensburg und Gregor Maria Hanke aus Eichstätt gemeint. Sie hatten erst Mitte dieses Jahres beim Ständigen Rat der Bischofskonferenz eine Finanzierung des Synodalen Ausschusses abgelehnt und damit ein Zeichen auch nach Rom gesandt.

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