Opernpremiere „Samson et Dalila“ in Düsseldorf

Französische Oper : Klimbim

Die Rheinoper präsentiert Saint-Saëns‘ „Samson et Dalila“ in Düsseldorf. Die Inszenierung ist überzogen, die Sänger überzeugen.

An Samson hatte die biblische Friseur-Innung keine Freude. Seine herkulische Stärke kam laut Buch der Richter 13,5 aus seiner noch nie gestutzten Haarpracht. Der Hebräer konnte nur durch eine radikale Schur geschwächt werden, weswegen Dalila antrat, die Schönste der Philister. Ihr verfiel der Held dermaßen bedingungslos, dass sie die Schere ansetzen konnte und die Feinde ihm die Augen ausstachen. Am Ende schickte Samson, der seinen Gott zwischenzeitlich vergessen hatte, sein letztes und inständigstes Gebet gen Himmel, worauf Jehova ihm die Kraft zurückgab und er den heidnischen Tempel einriss.

So weit die biblische Aktenlage, an welche die Düsseldorfer Rheinoper jetzt erinnerte: Es gab Camille Saint-Saëns‘ „Samson et Dalila“ von 1876, ein eindrucksvolles Werk, das auf Richard Wagner vermutlich einen solchen Eindruck machte, dass er Saint-Saëns einen „elenden Komponisten“ nannte. Wagner verdross es, dass ausgerechnet sein Schwiegervater Franz Liszt der Oper im Jahr 1877 zur Uraufführung in Weimar verholfen hatte.

Wagner war es nicht entgangen, dass Saint-Saëns alle Bayreuther Kunstimperative überhörte. Zwar geistern durch die „Samson“-Partitur Spurenelemente des „Tannhäuser“, doch trieb Saint-Saëns die Emanzipation der Halbtöne deutlich voran, als dunkles Chroma der Farben, sogar mit orientalischen Anklängen. Zugleich werden die Holzbläser lichter, schillernder, malerischer. Leitmotive fehlen gänzlich. Gewiss war Saint-Saëns kein Supermelodiker, doch glückte ihm in der Dalila-Arie „Mon cœur s‘ouvre à ta voix“ ein Welthit.

Überhaupt ist die Dalila-Partie der ebenso fruchtbare wie furchtbare Schoß der Oper, weswegen die Mitwirkung von Ramona Zaharia bei der Premiere ein Segen war. Die rumänische Mezzosopranistin stellte ihre diversen Vorzüge auch dank der Kostümbildnerin ins beste Licht, so dass sie optisch zwischen Carmen, Turandot und Ingrid Steeger changierte. Stimmlich glückte ihr das ganze Spektrum von Wohllaut, Schmeichelei, Gurren bis zu kalter Rache. Je sinnlicher ihre Stimme wurde und je mehr Opium sie sozusagen freiließ, desto mehr geriet Samson in ihren Sog. Als ihre Stimme partiturgemäß vom hohen H zwei Oktaven in die Tiefe stürzte, hätte Samson ahnen können, welche Abgründe auf ihn zukamen.

Der bislang an Wagner geschulte Tenor Michael Weinius machte seine Sache hervorragend. Optisch eher Schluff mit Zopf als ein Tarzan, sang sich der stattliche Schwede sehr tapfer und mit schön gemeisterten Spitzentönen durch den Abend. Was ihm an körperlicher Wendigkeit fehlt, machte er durch Attacke und Verzweiflung wett. Simon Neal als Oberpriester der Philister komplettierte das Trio trefflich mit einem schier abgebeizten, aalglatten Bariton. Der Chor sang leider eher laut als delikat, im Tempo gab es einige Fälle von unterschiedlicher Deutungshoheit zwischen Bühne und Graben, und auch bei den Düsseldorfer Symphonikern unter Generalmusikdirektor Axel Kober dürften wir demnächst noch manche Steigerung erleben.

Der blinde Samson hatte im dritten Akt den Vorteil, dass er die Inszenierung von Joan Anton Rechi nicht mehr ansehen musste. Der verlegt den Abend in eine diffuse Neuzeit, in der hebräische Sklaven mit LED-Stirnlampen und in fleckigen Neonwesten nach Bodenschätzen schürfen, wobei sie von Anzugträgern mit Einstecktüchern und Maschinenpistolen bewacht werden. Hier müssen diese Heuschrecken der Weltwirtschaft, die ihr Leben aus dem Geldkoffer bestreiten, sogar die Ballerei persönlich übernehmen.

Dalila ist bei Rechi dagegen eine abgezockte Puffmutter, die für Samson ihre Berufskleidung (Pelzmantel, Leopardenlook, Glitzerkleid) optimiert hat und diesen wichtigen Kunden persönlich betreut, bis sie seine Haare im Sack hat. An dieser Variante der Kastration hat der Oberpriester höchstes Vergnügen: Rechi stellt ihn als einen Sadisten dar, der Dalila in unbeobachteten Momenten hingebungsvoll die Schühchen leckt.

Gern hätten wir es am Ende gesehen, dass das komplett einfallslose Bühnenbild von Gabriel Insignares laut Bibel eingestürzt wäre. Rechi zog es vor, Dalila von Samson erwürgen zu lassen.

Was für ein Klimbim!