Opernregisseur Vasily Barkhatov „Ich glaube an die romantische Liebe“

Düsseldorf · Der russische Regisseur Vasily Barkhatov bringt jetzt seine Deutung von Wagners „Fliegendem Holländer“ ins Düsseldorfer Opernhaus.

Gabriela Scherer als Senta und Michael Volle als Holländer bei den Proben zur Düsseldorfer Wagner-Premiere.

Gabriela Scherer als Senta und Michael Volle als Holländer bei den Proben zur Düsseldorfer Wagner-Premiere.

Foto: DOR/Sandra Then

Aus dem Orchestergraben braust die Musik zum „Chor der Spinnerinnen“. Hin und wieder sieht man das Dirigentenstöckchen von Axel Kober nach oben zucken. Wenn Gabriela Scherer danach die so lyrische wie kraftvolle Ballade der Senta singt, schaltet sich der Generalmusikdirektor mit winzigen Korrekturen ein. Viele sind nicht mehr nötig bei einer der letzten Endproben zu „Der fliegende Holländer“. Am Sonntag hat Richard Wagners kürzestes Werk Premiere in Düsseldorf. Zuvor, im Herbst 2022, hatten Publikum und Kritik die Inszenierung von Vasily Barkhatov im Opernhaus Duisburg einhellig gefeiert.

Jetzt gerade verfolgt er neben seinem Pult das Geschehen auf der Bühne. Die Szenerie zwischen tiefblauen Wänden erscheint ungewöhnlich für eine Oper. Barkhatov (40) verlegte die Handlung in eine Shopping-Mall und in ein Kino. Im Hintergrund dreht sich ein Jahrmarkt-Karussell mit Pferdchen im Kreise. Der Regisseur hält sich über eine Stunde ganz und gar zurück. „Ich bin absolut zufrieden mit der Probe“, sagt er danach. „Natürlich gibt es immer Dinge, die noch zu verbessern wären. Aber ich halte es mit einem russischen Sprichwort – besser ist der Feind von gut. Irgendwann muss man loslassen.“

Würde er beim Blick zurück etwas grundlegend anders machen? „Nein, ich glaube nicht“, antwortet Barkhatov. „Meine Regie-Religion sagt mir, dass man ein und dasselbe Werk eigentlich nur einmal im Leben inszenieren kann. Selbst wenn du es öfter umsetzt, es steckt immer nur eine Idee darin. Die kannst du, wenn du dir treu bleibst, nicht ins Gegenteil verkehren, mögen die Häuser und Bühnenbilder noch so unterschiedlich sein.“

Seine erste Begegnung mit dem „Fliegenden Holländer“ hatte der russische Regisseur vor zehn Jahren als künstlerischer Leiter am Mikhailovsky-Theater in St. Petersburg. „Ich nutzte schon damals die gleiche Straße, mit dem gleichen Gefühl wie heute, nur anders inszeniert“, erklärt er. So hat sich der Akzent des Erlösungsdramas von der Holländer-Figur auf Senta verschoben. Was faszinierte ihn daran? „Ihre menschliche Geschichte mit ihrem Glück und ihrem Leid“, antwortet er. „Ich glaube an die romantische Liebe, folge den Charakteren und ergründe ihre Psychologie.“

Nun pflegen ja verklärte Leidenschaften in der Oper selten gut zu enden, was der Regisseur jedoch als Bestandteil der romantischen Liebe begreift. „Sie braucht die Tragödie, den Kampf, die extreme Situation. Das begeisterte mich schon als Schüler im Umgang mit der Literatur, nur konnte ich das in jungen Jahren noch nicht analysieren.“

Vasily Barkhatov gilt als Shooting-Star der Opernwelt. Nach dem Studium am Russischen Institut für Theaterkunst kam seine Karriere schnell in Schwung und führte ihn häufig in den deutschsprachigen Raum. Nach Düsseldorf wird er in der nächsten Spielzeit für Dvoráks „Rusalka“ wiederkehren. Seit einigen Monaten lernt er mit einem Lehrer Deutsch. Sprechen möchte er es aber erst, wenn er sich darin absolut wohlfühlt.

In die Welt der Oper geriet er eher zufällig. Als Kind wollte er in der Schostakowitsch-Musikschule Gitarre spielen. „Weil meine Hände noch zu klein waren, gab man mir eine Balalaika. Dabei ist es dann fünf Jahre lang geblieben.“ Auf den Gedanken, sich seinen Weg ins Theatermilieu zu bahnen, brachte ihn einer seiner Professoren. Regie ja, aber ausgerechnet Oper? „Das kam mir seltsam vor“, erinnert er sich und lacht. „Ich dachte immer, in der Oper braucht man keinen Regisseur, das schaffen die Sänger und Musiker allein.“

Erst als er auf VHS-Kassetten berühmte Inszenierungen zu sehen bekam, erfasste ihn eine Magie, noch vertieft durch seine Erlebnisse als 18-jähriger Praktikant in Berlin: „Jeden Abend war ich in einem anderen Opernhaus. Da wusste ich, auf diesen Bühnen ist alles möglich.“ Gewiss wird „Der fliegende Holländer“ nicht seine letzte Wagner-Oper sein. Die Musik des Komponisten sei speziell, aber eben auch reichhaltig wie kaum eine andere. „Ich liebe an Wagner, dass er es immer so ernst meint. Wenn der Schmerz da ist, ist es der Schmerz der ganzen Welt und aller Planeten. Seinen Figuren haftet beides an, Psychologie und Symbolismus. Die Skala ist riesengroß, man muss nur einen Schlüssel finden, sie transparent zu machen.“