Ohne Komfort und Zerstreuung: Die Faszination kleiner Häuser

Kulturgeschichte : Der Traum von der Hütte

In komplizierten Zeiten sehnen sich Menschen nach heilsamer Einfachheit. Darum sind Hütten gerade so gefragt. Doch das Leben ohne Komfort und Zerstreuung kann den Einsiedler auch an seine Grenzen führen.

Es gibt Räume, die ziehen einen an. Man möchte ihre Atmosphäre spüren, ausprobieren, wie sich ein Leben darin anfühlt. Hütten sind solche Orte. Aus einfachen Brettern gezimmert bieten sie, was für das Leben notwendig ist: ein Dach über dem Kopf, einen Winkel zum Ausruhen, Schutz. Mehr nicht. Das macht sie so reizvoll.

Hütten stehen für die Sehnsucht nach dem einfachen, guten Leben. Nach Purismus, Naturnähe, Zufriedenheit. Hütten kommen ohne Schnickschnack aus, ohne Technik­ausstattung und Zerstreuungsangebote. Sie verheißen Konzentration, Sammlung, heilsamen Verzicht, sind einfach, übersichtlich, aufgeräumt. „Die Hütte, aufreizend klein und elementar, stellt die Frage, wie wir leben wollen, was eigentlich wichtig ist, und dafür sind wir Bewohner des so verwirrenden und erschreckenden frühen 21. Jahrhunderts jederzeit zu haben“, schreibt Petra Ahne, die selbst eine Hütte besitzt und sich mit der Geschichte dieser ursprünglichen menschlichen Behausung beschäftigt hat.

Schon in der Renaissance malten sich Künstler aus, wohin sich Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Garten Eden wohl gerettet haben – und zeichneten eine Hütte. Die ersten Menschen waren aus dem paradiesischen Zustand der Einheit mit der Natur herausgefallen. Plötzlich war die Umgebung feindlich, und die beiden brauchten Schutz. Darum ist auf späteren Darstellungen des Paares nach dem Sündenfall häufig eine Hütte zu sehen. Dass die Urbehausung des Menschen wohl tatsächlich eine Hütte war, belegen Funde in Japan. Nordwestlich von Tokio wurden vor einigen Jahren unter den Ablagerungen eines Flusses Pfostenlöcher und Werkzeuge entdeckt, die auf einen Hüttenbau deuten. Die Experten schätzten das Alter der Funde auf 500.000 Jahre.

Mit der Hütte wurde der Mensch zum Architekten und entwickelte den simplen Unterschlupf weiter bis zu den technisch komplexen Hochhäusern der Gegenwart. Doch hat die Urform der Behausung nie ihren Reiz verloren. Wie sich gerade etwa an der „Tiny House“-Bewegung zeigt. Es ist ja nicht nur die Wohnungsnot, die Menschen für Minihäuser begeistert. Sie schätzen die Übersichtlichkeit, das Handgemachte, die Genügsamkeit eines schlichten Obdachs. Da wird plötzlich real gelebt, was die Generation Gentrifizierung in ihrer Kindheit im Fernsehen sah: Da zog Peter Lustig für die Sendung „Löwenzahn“ in einen blauen Bauwagen mit Dachbalkon und selbstgebauter Stuhltreppe und erklärte von dort die Welt. In der Vorläuferserie hatte der Latzhosen-Fernsehpädagoge noch in einem Haus in Bayern gewohnt, war aber von dort wegen einer neuen Flugschneise geflüchtet. Schon in den 1980er Jahren war also die selbstgezimmerte Hütte der utopische Ort, an dem sich Menschen vor modernen Zumutungen wie Fluglärm in Sicherheit bringen konnten.

Doch für jede Zeit hält die Hütte andere Versprechungen bereit. In der Frühzeit der Aufklärung ist es die Läuterung durch ein karges Leben. Damals erzählt Daniel Dafoe vom Hüttenbauer Robinson Crusoe. Ganz allein auf einer Insel gestrandet, baut er ein Zelt immer weiter aus. Er rammt Zaunpfähle in den Boden, schlägt dahinter seine Plane auf und gräbt für Vorräte ein Loch in den angrenzenden Hügel. Crusoes Schutzbedürfnis ist so groß, dass er nicht mal eine Tür in den Zaun baut. Erst als seine „Burg“ fertig und nur mittels einer Leiter zugänglich ist, kann er ruhig schlafen. Kinder kennen dieses wonnige Gefühl von Sicherheit, wenn sie die ersten Höhlen bauen – Hütten aus Kissen und Decken, Orte molliger Geborgenheit. Doch Dafoes Figur Crusoe gibt die Hütte nicht nur Sicherheit. Die Entbehrungen in der Einsamkeit machen ihn zum besseren Menschen. „Allmählich wurde mir klar, um wie viel glücklicher mein jetziges Dasein mit all seiner Not war als das gottlose, verruchte, abscheuliche Leben meiner vergangenen Tage“, lässt Dafoe seinen Crusoe sinnieren. In späteren Jahrhunderten ging es eher um die Freiheit. So baute sich der Lehrer, Schriftsteller und Revolutionär Henry David Thoreau 1845 eigenhändig ein Blockhaus in den Wald, um das Leben als Einsiedler zu testen. Nicht romantische Natursucht treibt ihn in die Hütte, für ihn ist es ein Experiment: Was muss man aufgeben, um wirklich unabhängig zu werden? Thoreau verzichtet auf Besitz, Bequemlichkeit, Bindungen und schreibt: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ Radikale Reduktion, Essenz des Seins, zwei Jahre hielt Thoreau das durch, schrieb darüber sein Buch „Walden“ und wurde zum Guru aller Aussteiger.

Natürlich kann das Experiment Hütte auch scheitern. So wie es etwa der Film „Into the Wild“ durchspielt. Da will der 22-jährige Chris ohne materielle Zwänge leben, spendete seinen Besitz, wagt sich immer tiefer in die Einsamkeit – bis nach Alaska. Doch ist bemerkenswert, dass er sich am Ende seiner Reise hinaus in die Natur – und hinein in sein Inneres – nicht in einer hölzernen Hütte verschanzt, sondern in einem ausrangierten Linienbus, der wie ein rostiger Fremdkörper, wie eine Kapsel aus der Zivilisation in der Natur verrottet. Der Bus ist eine schlechte Hütte und der Held kommt darin um. Der Film basiert auf der wahren Geschichte eines Studenten, der in der Wildnis zugrundeging. Eine seiner letzten Tagebuch-Eintragungen handelt davon, dass man wahres Glück nur finden kann, wenn man es mit anderen teilt. Die Hütte als Ort der Einsamkeit funktioniert wohl nur auf Zeit. Wer durchhält kann in der Einsiedelei zur Besinnung kommen und gereinigt in die Welt zurückkehren.

Dass in Hütten manchmal auch das Böse lauert, davon erzählen Märchen. Für Hänsel und Gretel wird die süße Hütte zur lebensbedrohlichen Falle, denn die Hexe wohnt darin. Und auch auf Rotkäppchen wartet nicht die liebe Oma im Waldhaus, sondern der böse Wolf. Doch spielen diese Märchen gerade mit der Verkehrung von Erwartungen. Der Zufluchtsort Hütte wird zeitweilig von bösen Mächten bewohnt – am Ende aber wieder davon befreit.

Bei Johanna Spyri ist die Sache gleich einfacher: ein Mann wohnt in der Hütte. Beim gütig-knurrigen „Alm-Öhi“ findet „Heidi“ Zuflucht. Verängstigt von den Ansprüchen eines großbürgerlichen Lebens in der Stadt kann sie in den Bergen Kind sein und einen natürlichen Bildungsgang gehen. „Nicht selten ist die Hütte in der Literatur so ein doppelt besetzter Raum: Als bedrohlich empfindet sie, wer um die Aufrechterhaltung der Ordnung fürchtet; als befreiend, wer mit dem Eintritt in die Hütte diese Normen und manchmal sein ganzes altes Leben hinter sich lassen kann“, schreibt Petra Ahne in ihrer Kulturgeschichte der Hütte.

 Dieses Mini-Haus kann mit LED-Licht beleuchtet werden und verfügt über eine elektrische Heizung. Foto: picture alliance / DROP Structur/R4886
Ein rundes „Tiny House“ mit gläsernen Schiebetüren für ein Leben nah an der Natur. Foto: picture alliance / LumiPod by Lu/Cover Images

So packt jede Zeit andere Wünsche in die kargen Holzhäuser und träumt von einem besseren Leben. Und der Hüttenzauber bleibt.

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