Oberhausen: Nora im Horrorhaus

Oberhausen: Nora im Horrorhaus

Wie eine Fee aus einem Disney-Weihnachtsmärchen tänzelt Nora in Tutu und Ballettschuhen auf die Bühne. Es dauert keine zwei Minuten, und der erste Mann hängt unter ihrem Rock. Regisseur Herbert Fritsch erzählt Ibsens "Nora oder Ein Puppenhaus" im Theater Oberhausen als eine Geschichte von oft gar nicht so unterschwelligem Horror und von Perversion im Familien- und Bekanntenkreis.

Seine bürgerliche Gesellschaft ist von sexueller und materieller Gier getrieben. Nora ist vor allem dann glücklich, wenn sie Geld ausgeben kann – die sie umgebenden Männer, wenn Nora ihr Kleid auszieht. Bürgerliche Konventionen, christliche Moral oder gar die Liebe zwischen Mann und Frau spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Die große Schlussszene, wenn Noras Ehemann Torvald ihr Vergehen – eine Unterschriftenfälschung – entdeckt, gerät so zur Nebensächlichkeit. Das, was Regisseur Fritsch von Ibsens Text übrig- gelassen hat, rasseln die Schauspieler hier nur noch lust- und seelenlos herunter, während sie es vorher überbetont, mit fratzenhafter Mimik und exaltierter Gestik auf die Bühne gebracht haben.

Diese Inszenierung ist nicht auf die Entwicklung der Handlung und den großen Knall am Ende ausgerichtet, sondern auf eine stimmige Ästhetik im Ganzen: eine Mischung aus Horror, Hitchcock-Krimi und Melodram. Vor allem Manja Kuhl als Nora, Torsten Bauer als ihr Mann und Henry Meyer als "Doktor Krank" laufen immer wieder zu großer Form auf, die am Ende in eine absolut überraschende Applausordnung mündet.

(Rheinische Post)