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NRW-Ministerpräsident Wüst zeigt sich als Familienmensch

NRW-Ministerpräsident zwischen Politik und Privatem : „Hendrik Wüst ist ein klassischer Sender“

Nordrhein-Westfalens neuer Ministerpräsident zeigt sich im Social-Media-Kanal Instagram und zuletzt auch öffentlich von seiner privaten Seite – als Vater und Ehemann. Das geschieht nicht ohne Kalkül. Eine Stilkritik.

Hendrik Wüst ist ein Strahlemann. Auf den meisten seiner bei Instagram geposteten Fotos zeigen die Mundwinkel des CDU-Politikers in dieselbe Richtung, in die zuletzt auch seine Karriere ging: steil nach oben. Wüst präsentiert sich auf den Bildern im Gespräch mit Bürgern, mit Helm auf diversen Fahrrädern, auf staubigen Autobahnbaustellen, bei munteren Spatenstichen, dabei überwiegend mit einem blauen Anzug bekleidet, der für ihn eine Art Blaumann des emsigen, allzeit einsatzbereiten Volksvertreters zu symbolisieren scheint.

Seit März dieses Jahres aber gewährt Wüst auf seinem Social-Media-Account hin und wieder Einblicke in sein Privatleben. In jenem Monat wurde es nicht nur allmählich wärmer an der Wahlkampffront sondern auch Töchterchen Philippa geboren. Seither menschelt es visuell deutlich stärker auf Instagram: Der stolze Vater beim Verlassen der Geburtsklinik mit dem Säugling im Maxi Cosi, der Minister mit auf dem Bauch geschnallten Baby, ein Buch lesend, der Heimwerker Wüst nebst „Bauaufsicht“ (natürlich Philippa), erster Vatertag, sogar bei der Stimmabgabe an der Wahlurne ist der Nachwuchs unübersehbar dabei.

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Familiär ging es erst recht am vergangenen Mittwoch zu: Anlässlich seiner Wahl zum neuen Ministerpräsidenten nahm Hendrik Wüst, forschen Schrittes den Kinderwagen lenkend und diesmal in Begleitung seiner Ehefrau Katharina, Kurs auf den Eingang des Düsseldorfer Landtags. Noch ein Kuss für die Gattin, dann war der historische Moment gekommen und Wüst auch als Landesvater in Amt und Würden, mit seinen 46 Jahren als jüngster in der Geschichte des Landes obendrein.

„Die Botschaft, die Hendrik Wüst mit solchen Bildern vermitteln will, ist unübersehbar“, analysiert Franziska Bluhm, Social-Media-Beraterin und Coach für digitale Kommunikation in Düsseldorf: „Der Christdemokrat will seine Rolle als moderner Politiker und bürgerlicher Familienmensch betonen, ein Mann, der auch privat Verantwortung für nachfolgende Generationen übernimmt. Diese Haltung soll durchaus auch den Generationswechsel in der Union unterstreichen.“

Mehr denn je kommt es in der Politik auf die Persönlichkeit jener an, die das Volk vertreten sollen. Das Private spielt dabei in den klassischen wie in den sozialen Medien eine erhebliche Rolle. Politiker sind auch nur Menschen, und als solche wollen sie bisweilen gerne dargestellt wie wahrgenommen werden. Zugleich ist diese Absicht nie ganz frei von Kalkül, zumal in einer Zeit, in der Emotionen im politischen Betrieb an Bedeutung gewinnen. Denn Emotionen eignen sich vortrefflich, wenn es darum geht, Standpunkte zu unterstreichen oder Themen in die Öffentlichkeit zu tragen, erklärt der Politikberater und Dozent für Sozial Media, Martin Fuchs. Emotionen dürften aber immer nur das Transportmittel der Botschaft sein – nie die Botschaft selbst.

An diesen Grundsatz hält sich Wüst, der erhebliche Energie darauf verwendet hat, sein Image als Mann fürs Grobe abzulegen, das im in seiner Zeit als CDU-Generalsekretär in NRW anhaftete. „Allerdings ist der Hendrik Wüst, den wir als Generalsekretär in Erinnerung haben, ein Scharfmacher gewesen, ein Polarisierer – und kein Landesvater, der Gegensätze zusammenbringen und versöhnen kann“, bestätigte Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, erst kürzlich im Interview mit unserer Zeitung.

Nun, die Zeiten haben sich offenkundig geändert. Geschmeidig, als Mann des Ausgleichs und der Mitte, als Macher und Kümmerer zugleich, tritt der neue Hendrik Wüst nun schon Zeit geraumer Zeit auf, ohne sich auf den glatten politischen Parket Schnitzer zu erlauben.

Franziska Bluhm findet die Inszenierung des Privaten, die Wüst dabei hilft, indes zu glatt und damit am eigentlichen Ziel vorbeischießend: Die Bilder bei Instagram stammten erkennbar von einem professionellen Fotografen, nichts sei dem Zufall überlassen, vielmehr alles sorgfältig arrangiert. „Dadurch wirkt Hendrik Wüst nicht so nahbar, wie er gerne rüberkommen würde“, sagt Medienprofi Bluhm. Sie rät dem Politiker, mehr Mut zur Unprofessionalität zu zeigen: „Hin und wieder in den Dialog gehen, mal eine Frage stellen, das schafft Authentizität.“ Besser wäre es auch, öfter einmal Ehefrau Katharina mit einzubeziehen, die im Gegensatz zu Tochter Philippa auf Wüsts Instagram-Kanal kaum in Erscheinung trete. „Dabei trägt sie bei der Familienarbeit gewiss die Hauptlast, während ihr Mann händeschüttelnd im Land unterwegs ist.“

Das Fazit von Kommunikationsexpertin Bluhm: „Hendrik Wüst ist ein klassischer Sender, der wenig Wert auf Interaktion legt.“ Ein wirklicher Austausch mit dem Publikum, das Wüst erreichen wolle, finde zu wenig statt. Das schlage sich auch in der Zahl seiner Follower nieder: Knapp 8300 Abonnenten seit Einrichtung seines Accounts bei Instagram sei nicht gerade überwältigend.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Hendrik Wüst kommt mit Frau und Kinderwagen zur Wahl