Düsseldorf: Nora Schlocker zeigt plakativen Shakespeare

Düsseldorf : Nora Schlocker zeigt plakativen Shakespeare

Die Düsseldorfer Hausregisseurin lässt "Wie es euch gefällt" nur von Männern spielen.

Zwei Mädchen laufen allein in den Wald. Zum Schutz schlüpfen Rosalind und Celia in Männerkleider, die höfischen Fräulein wollen nicht unter die Räuber fallen. Doch als sie im Ardenner Forst auf Rosalinds Geliebten treffen und den Rest des verbannten Hofstaats, bleiben die Frauen unerkannt. So beginnt das Trugspiel der Geschlechter, der verführerische Mummenschanz. Und weil sich Nora Schlocker am Düsseldorfer Schauspielhaus auf die elisabethanische Theaterpraxis besinnt, lässt sie alle Rollen von Männern spielen. Schon zu Shakespeares Zeit verkleideten sich Knaben als Mädchen und spielten Mädchen, die sich als Knaben verkleiden.

Im Ardenner Wald könnte nun also ein erotisches Verwirrspiel beginnen, eine Persiflage höfischer oder heutiger Gesellschaftsspiele zwischen Mann und Frau. Eine große Komödie der Irrungen, in der die Geschlechterrollen so oft gebrochen sind, dass es am Ende um die reine Existenz geht.

Doch Nora Schlocker hat keinen Spaß an raffinierter Täuschung. Sie schickt echte Kerle auf die Bühne, die ganz Mann bleiben, egal in welches Miederkleid sie sich zwängen. Karneval statt Travestie. Und dann nimmt Schlocker auch noch das Tempo aus dem Stück, lässt das Spiel erstarren in ironischen Posen. Da steht der verkleidete Hofstaat dann an der Rampe und wirft Bussi Bussi ins Publikum. Das wirkt bald öde. Bei dieser Maskerade ist keine Erotik im Spiel, da flirrt und schillert nichts, da gelingen keine existenziellen Momente. Nur ausgestelltes Rollenspiel, Theater ums Theater.

Die Schauspieler müssen dick auftragen. Also übertreibt es Alexader Radenkovic als Orlando mit den Verzweiflungsausbrüchen, Ingo Tomi als Celia mit dem Hysterischsein. Mehr Zwischentöne und auch mal verhaltene Momente darf Florian Jahr der Rosalind schenken, und Dirk Ossig, Christian Ehrich und Sven Walser liefern in vielen Nebenrollen hübsche Karikaturen, doch gegen den Entschluss der Regie zum Plakativen kommen die Darsteller nicht an.

Da ist das Publikum schon dankbar, als Taner Sahintürk zur harmlosen Belustigung ein kurze Grönemeyer-Campino-Persiflage liefert oder in einer kurzen Szene sieben Kinder auf die Bühne kommen, um die Lebensstationen eines Jünglings darzustellen. Die Kinder machen ihre Sache gut wie die Lateinschüler der Renaissance und sind niedlich anzuschauen, die Inszenierung bringen sie nicht weiter.

Das einzig Raffinierte an diesem Abend ist das Bühnenbild. Bernhard Kleber hat eine Abstraktion des elisabethanischen Rundtheaters auf die große Bühne gebaut, mit einer weit gebogenen weißen Kulisse, die sich stimmungsvoll beleuchten lässt. Der Boden dieses futuristischen Tudor-Theaters ist mit Heu ausgestreut, was übel staubt und riecht, nichts für Allergiker. Doch das passt zum Volkstheater, in dem es manchmal derb zugeht wie im Viehstall. Unmerklich hebt sich diese Spielfläche am Horizont, die Darsteller geraten zusehends auf die schiefe Bahn. Der Wald ist kein utopischer Gegenentwurf zur entfremdeten Gesellschaft, sondern karger Ausläufer der höfischen Welt, und sein Grund ist für den Menschen nicht sicher.

Mehr Aktualität gewinnt die Inszenierung nicht. Zwischendurch muss mal wieder ein pädophiler Pfarrer herhalten, mehr fällt Schlocker zur Gegenwart nicht ein. Shakespeares gewollt plumpes Märchenende kappt sie mitten im Happy-End. Rosalind will nur noch wissen, ob das Publikum ihre Verstellung rühme. Das applaudiert brav. Elisabethanische Zuschauer hätten weniger Geduld gehabt.

Karten und Termine: 0211/ 369911

(RP)
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