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"Nope" im Kino: Filmkritik zum Horrorfilm – Jordan Peele

Horrorfilm „Nope“ :  Jede Wolke könnte ein Raumschiff sein

Ein Film, dessen Seltsamkeit sein großes Plus ist: In „Nope“ kreuzt Jordan Peele Western, Horror- und Mystery-Thriller. Klingt verwegen, geht aber auf.

Gerade einmal zwei Filme hat Jordan Peele gedreht und sich als einer der interessantesten Autorenfilmer Hollywoods bewiesen. Sein Debüt „Get Out“ – in der Obama-Ära gedreht nach der Wahl Trumps veröffentlicht – arbeitete die latenten Rassismen der weißen amerikanischen Oberschicht präzise heraus und verdichtete sie zu einem veritablen Horrorgemälde. Ein Einspielergebnis von 255 Millionen Dollar, einen Oscar für das beste Drehbuch und drei weitere Nominierungen bildeten den Start für eine vielversprechende Karriere des afroamerikanischen Filmemachers. In seinem zweiten Werk „Us“ spielte er erneut mit den Traditionen des Genres Horrorfilm. Er entwarf das Szenario einer unterirdischen Doppelgänger-Gesellschaft, die nach dem privilegierten Leben ihrer Originale auf der Erdoberfläche greift. Auch hier verwob Peele Tiefenpsychologie, Gesellschaftsanalyse und Genrekino kongenial miteinander.

In seinem neuen Film „Nope“ wagt er sich nun noch weiter vor und verbindet Elemente des Westerns, Mystery- und Science-Fiction-Kinos zu einer ungeheuer interessanten, cineastischen Melange. Im Zentrum steht ein Geschwisterpaar, das nach dem Tod des Vaters die Pferde-Ranch übernimmt. Schon seit den frühesten Jahren des Kinos trainieren die Haywoods Pferde für Filmproduktionen in Hollywood. Seit mehreren Generation ist das Familienunternehmen in afroamerikanischer Hand. Aber die Geschäfte laufen schlecht. Statt der unberechenbaren Tiere werden zunehmend CGI-Replikate verwendet. Als nachts eines der Pferde ausbricht und auf mysteriöse Weise im nächtlichen Himmel verschwindet, wird Otis Jr., genannt OJ (Daniel Kaluuya), auf eine Wolke aufmerksam, die schon seit Tagen unbewegt am Horizont verharrt. Sie dient offensichtlich als Tarnung für ein außerirdisches Raumschiff, das Menschen, Tiere und auch mal einen ganzen Vergnügungspark aufsaugt.

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OJs Schwester Emerald (Keke Palmer) sieht in dem Ufo jedoch nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Geschäftsidee. Wenn es ihnen gelänge die ersten Filmaufnahmen von dem Raumschiff zu machen und diese an die Oprah-Winfrey-Show zu verkaufen, wäre zumindest das finanzielle Überleben der Farm gesichert. Aber die außerirdischen Eindringlinge lassen sich digital nicht abbilden. Und so wird der Old-School-Dokumentarist Antlers Holst (Michael Wincott) engagiert, der mit handbetriebenen Kameras und echtem Filmmaterial den Aliens zu Leibe rückt.

„Nope“ ist ein im besten Sinne unberechenbarer Film. Das betrifft nicht allein den Plot, der vollkommen entspannt interessante Nebenschauplätze eröffnet, zu unerwarteten Wendungen kommt und einen ureigenen Flow findet. Ohne aufdringliches Innovations-Gehampel gelingt es Peele, auch auf der visuellen Ebene zu überraschen. Zu Anfang glaubt man sich in der vertrauten Western-Landschaft gut aufgehoben, bis geradezu organisch außerirdische Phänomene die traditionsreiche Naturkulisse verfremden.

Kameramann Hoyte Van Hoytema („Tenet“) schafft echte Kinobilder von poetischer Kraft und verstörender Schönheit, ohne die intime Nähe zu den Figuren zu verlieren. Oscar-Preisträger Daniel Kaluuya („Judas and the Black Messiah“) überzeugt als wortkarger, schwarzer Cowboy erneut mit seiner magnetischen Leinwandpräsenz. Ihm gegenüber entfaltet die fabelhafte Keke Palmer als hibbelige Schwester kontrastreich ihre Energiebündel-Qualitäten.

Mit seinen kohärenten Fluss aus intensiven Action-Szenen und kontemplativen Ruhezonen funktioniert „Nope“ auf der großen Leinwand bestens als spannendes Unterhaltungsprodukt. Gleichzeitig eröffnet Peele auch hier wieder Assoziations- und Resonanzräume, in denen US-Filmgeschichte, afroamerikanische Identität, menschliche Urängste, die Gewalt visueller Darstellung oder der Zynismus des Showgeschäftes reflektiert werden. Vor allem aber ist „Nope“ ein Film, der sich nicht um Erwartungen schert, sondern sich zum Seltsamen bekennt – und darin seine ganz eigene Schönheit findet.