London Neues Radiohead-Album im Netz

London · Es empfiehlt sich, in kurzen Abständen die Homepage der Gruppe Radiohead zu besuchen, nicht nur wegen der fabelhaften Musiktipps, die ihr Sänger Thom Yorke dort fast jede Woche gibt. Seit dem Wochenende flattert nun ein Banner über der Seite, "Danke fürs Warten" steht darauf, und wer es anklickt, kann sich das neue Album der wichtigsten Band der Welt herunterladen. Dass "The King Of Limbs" in Kürze erscheinen würde, hörte man erst vor ein paar Tagen, die Plattenfirma XL Recordings nannte indes den 25. März als Tag der Veröffentlichung. Aber das Datum gilt nur für die CD, als MP3 vertreibt Radiohead die Songs selbst, ab sofort und wieder einmal.

Vor etwas mehr als drei Jahren sorgten die Musiker für eine Revolution in der Vermarktung von Popmusik. Sie stellten ihr Album "In Rainbows" ins Netz, jeder sollte für den Download der Songs so viel bezahlen, wie er wollte. Wer nichts ausgeben mochte, durfte sich trotzdem bedienen. Es war der erste Vorstoß einer Band von internationalem Rang in Sachen autonomes Marketing. Radiohead hatte sich damals vom Stamm-Label EMI getrennt, man war ungebunden.

Ob das Konzept aufging, ist umstritten, jedenfalls wurde "In Rainbows" schließlich entgegen der Ankündigung doch noch als LP und CD veröffentlicht und erreichte in den USA und England Platz eins der Charts. Bei der aktuellen Platte wird es ähnlich laufen, die Gruppe sichert sich allerdings ab: Der Download kostet pauschal sieben Euro für die MP3-Version und elf Euro für die nichtkomprimierte WAV-Version. Eine exklusive Deluxe-Ausgabe der Platte als Paket mit CD, LP und Kunstdrucken kostet 36 Euro – Auslieferung im Mai.

Und wie klingt "The King Of Limbs"? Das 37-minütige Konvolut aus acht Stücken will man nach mehrmaligem Durchhören nicht zu den großen Alben von Radiohead zählen, die Klasse von "Ok Computer" (1997), "Kid A" (2000) und "In Rainbows" erreicht es nicht. In den 90ern schlug Radiohead mit jeder neuen Platte eine andere Richtung ein, sie erneuerten den Pop. In den vergangenen Jahren veränderte das 1986 in Oxford gegründete Quintett seinen Sound kaum mehr, die neuen Stücke muten vielleicht noch ein wenig düsterer an, kälter; Melodien muss man unter der dicken Schicht aus vertrackten Beats und elektronischem Geplucker hervorklauben. Dennoch ist das ein gelungenes Werk, den Titel "Codex" kann man hervorheben und "Separator", sie gehören zum Besten, was heute veröffentlicht wird.

Man hört Künstler heraus, die Thom Yorke auf der Band-Homepage regelmäßig empfiehlt, junge Londoner Sound-Tüftler wie Burial, Actress, Untold sowie den kargen Berliner Techno von Shed und Len Faki. Auch die Erfahrung, die Gitarrist Jonny Greenwood in Hollywood sammelte, wo er den auch ohne Bilder gültigen Soundtrack zum Film "There Will Be Blood" schrieb, wirkt sich aus: Radiohead schafft eine Stimmung, die sich nur in ihrer Musik ergibt: nächtliche Erhabenheit. So schön kann das Schroffe sein.

Info Das Album kann man unter www.radiohead.com downloaden.

(RP)