Neuer Roman "14.Juli" von Éric Vuillard: Der Sturm der kleinen Leute

Neuer Roman von Eric Vuillard : Revolution der kleinen Leute

Eric Vuillard lässt in seinen Büchern Weltgeschichte auferstehen. Diesmal den Sturm auf die Bastille 1789.

Und mehr bedarf es wirklich nicht? Also nicht mehr als gut 130 Seiten für jenes Ereignis, das zunächst Europa und schließlich die Welt veränderte? Über den Sturm auf die Pariser Bastille am 14. Juli 1789 sind Bücher in beträchtlicher Regalmeterlänge verfasst worden. Und dann kommt der Schriftsteller Eric Vuillard daher und schafft etwas ganz Neues: Er lässt den 14. Juli buchstäblich auferstehen, er lässt ihn gegenwärtig werden, so bedrückend, dass man glaubt, plötzlich viel von all dem zu verstehen, was sich hinter historischen Abhandlungen zu verbergen schien.

Das war schon bei seinen früheren Büchern so, aber dass es immer noch gelingt, ist ein Indiz für seinen brillanten Zugriff auf Geschichte. Angeblich spricht man schon von der „Vuillard-Methode“, die dem Vorgehen eines Mediziners ähnelt. Er knöpft sich ein weltgeschichtliches Ereignis vor – das ist wichtig, weil ohne rudimentäre Vorkenntnisse seiner Leser seine Bücher nicht richtig funktionieren –, pickt sich ein wichtiges Detail heraus und beginnt, damit vieles zu erklären. Für Hitlers sogenannte Machtergreifung benötigte Vuillard in „Die Tagesordnung“ keine 120 Seiten. Doch wer gleich am Anfang des Büchleins die Szene von Hitlers Fundraising bei der Altherrenriege der Großindustriellen gelesen hat, begreift oft mehr als in zweieinhalb Jahren Geschichte Leistungskurs.

Vuillard erzählt Geschichte. Er belebt sie, und das geht nur mit Menschen. Am spannendsten mit vormals namenlosen Akteuren. Louis Tournay ist einer von ihnen, der mit den Pariser Bürgern am 14. Juli zur Bastille zieht, der plötzlich in vorderer Reihe steht und es schafft, die Zugbrücke zur Festung herunterfallen zu lassen. Er bezahlt dafür mit seinem Leben. „Man vergisst ihn“, heißt es bei Vuillard. „Er verflüchtigt sich. Sein Heldenepos währte nur Minuten.“

Das Buch ist voll von diesen Schicksalen, den kleinen Menschen an diesem heißen Sommertag, die ihre plötzliche Macht gar nicht begreifen können, die ihren Rausch genießen, ihr Glück an diesem Tag mit Händen zu greifen scheinen. Eigentlich erzählt Eric Vuillard mit der Geschichte der kleinen Leute den Augenblick eines großen Staunens: „einfach unglaublich, wie viele Menschen in einer Stadt sein können“; Paris gehört dem Volk; eine Nacht der Nächte, eine heilige Nacht, heißt es sogar.

Wohin das alles einmal führen wird, weiß keiner. Vuillard redet nicht von Republik und Königssturz. Das ist alles noch weit weg. Ganz nah aber ist dieses Paris, „eine Masse aus Armen und Beinen, ein Körper voller Augen und Münder, folglich ein Heidenlärm“. Weil es an Waffen fehlt, werden Pfandhäuser geplündert und sogar die Requisitenkammern der Theater. Und dann hat man auch ohne große Beschreibung vor Augen, wie die Empörten ausgesehen haben, mit mittelalterlichen Helmen und alten Gewehren, die bestenfalls als Wandschmuck dienlich waren. Geschichte wird so auch zu einem Schelmenstück. Unglaublich auch das: Eine Monarchie wird mit Requisiten bezwungen. „Die Realität plünderte die Fiktion. Alles wurde wirklich.“

Und als Leser steckt man mittendrin im Getümmel. Die Gerüchte, dass vor der Stadt Söldner zusammengezogen würden, bleiben Gerüchte. Keiner weiß genaues. Im Strudel der Aufgeregtheiten ist jeder Überblick eine nette Illusion.

Vuillard hat die Geschichten der Menschen genau recherchiert. Er ist nicht der großer Erfinder. Er will den scheinbar Kleinen wenigstens ihren Namen geben; vielleicht noch einen Beruf, irgendein Datum. Das alles ist nicht viel. Aber es ist mehr als nichts. Ein paar Etiketten zumindest. „Das sind Silben der Wahrheit“, schreibt Vuillard, der Autor, der als Filmemacher seinen Erzählungen das Tempo lehrt.

Was diesem unglaublichen und vor zwei Jahren mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Gesamtwerk innewohnt, ist die Unruhe. Ein Rumoren, ein Anliegen, eine Haltung. Die schimmert immer wieder durch, am Ende aber wird sie zum wuchtigen Bekenntnis. Der 14. Juli neigt sich dem Ende entgegen und es regnet Papier. All die unbeantworteten Bittgesuche und Rechnungsbücher werden aus den Häusern der Macht geworfen. Da kehrt Vuillard in die Gegenwart zurück mit seiner Überlegung, selbst häufiger die Fenster zu öffnen, „einfach so und völlig ungeplant, alles über Bord schmeißen“. Nicht nur Privates, sondern „Dekrete, Gesetze, Protokolle, einfach alles! Es würde fallen, langsam sinken, in die Gosse regnen.“

Das Buch ist in Frankreich vor den Protesten der Gelbwesten erschienen. Und doch liest es sich am Schluss wie ein wohlmeinender Kommentar zur Bewegung. Mit Sätzen, die nur scheinbar die ferne Zeit des Jahres 1789 zu betreffen scheinen: „Die Erwerbslosigkeit ist eine strenge Schule. In ihr lernt man, dass man nichts wert ist. Das kann nützlich sein.“