Neuer Intendant eröffnet erste Spielzeit in Essen

Neuer Intendant eröffnet erste Spielzeit in Essen

Gespannt schaut die Theaterwelt auf die Spielzeiteröffnung mit neuer Intendanz in Essen. Der bisherige Chef Anselm Weber wurde nach Bochum befördert und will nur wenige Kilometer entfernt aus dem Schauspielhaus einen neuen Kontinent namens "Boropa" erstehen lassen. Ähnlich kurz ist die Veränderung im Arbeitsweg von Christian Tombeil. Er kommt vom kleinen Theater Krefeld/Mönchengladbach, muss sich aber im Grillo-Haus mit einem stark gekürzten Etat bescheiden: "Mit Essen spielt man nicht, für Essen schon" ist sein trotziges Motto für die Spielzeit. Den Anfang machte der Abiturklassiker "Prinz Friedrich von Homburg". Mit einem genuschelten "Nabend" trat der Jens Ochlast auf die Bühne und erzählte, was im Jahre 1810 alles neu war: Hundesteuer und Humboldt-Uni, das Oktoberfest, eine Werkstatt von Herrn Krupp und ein Drama von Kleist.

In Christian Hockenbrinks Inszenierung "entkleist" das Stück allerdings, und so irrt es anderthalb Stunden lang auf einer durchweg unterhaltsamen, symbolisch aber ausgeleierten Spur daher. Blumenerde und Schützengraben machen sich den Platz an der Rampe streitig, dahinter das eingestrichene Personaltableau. Man schleppt Eimer und schlägt Pauke, und der tatsächlich wie aus dem Idealträumer-Casting auftretende Prinz (Jannik Nowak) wälzt seine weiße Wäsche ganz irdisch braun. Die Damen machen munter mit beim Kriegsgetöse. Nach dem scheinbaren Tod des Kurfürsten fleddert dessen Nichte Nathalie (Floriane Kleinpaß) konsterniert ihr leeres Portemonnaie: Keine materielle Zukunft in Brandenburg. Also Flucht nach Amsterdam? "Über Duisburg – nee!" Muss sie auch nicht, denn Friedrich Wilhelm lebt noch, und so kann die flotte Soldateska im Nachhall des Landsknechtlieds weiter feiern: "Vom Barette schwankt die Feder". In den schmissigen Versen ist das Wams aus Büffelleder nicht hieb- und stichfest. Ebenso wenig wie der Essener Kunstversuch, was vor 200 Jahren neu war, mit der Jetztzeit zu verbinden. Alleingelassen mit dem Rainbow-Lied von Rio Reiser, tropft der Prinz am Ende unter einer Wasserkaskade vor sich hin. Ein amüsanter Theatertraum, was sonst?

Dichter und packender ging es bei der zweiten Premiere zu. In der kleinen Spielstätte "Casa" war die deutsche Erstaufführung eines Stücks aus der fast immer wutentbrannten jungen englischen Dramatik zu sehen. Mit "Osama der Held" hat Dennis Kelly seine Empörung über den Irakkrieg zu disparaten Textblöcken und brutalen Gewaltszenen verarbeitet. Einer der gedanklich deformierten Loser-Figuren hielt in der Schule ein Referat über seinen Helden Osama. Prompt schlägt der Mob zu. Auch der ist deformiert, naiv-faschistoid in der zweiten Generation. "Komm, laß uns etwas Gutes tun und dabei sterben", hieß das Zitat eines Kleistbriefs am Vorabend. Kellys Ghetto-Gang zertrümmert mit dem Hammer ein Gesicht und stellt dann eher hilflos fest: "Wir haben etwas Gutes gemacht". Man wird sehen, wie es in Essen weiter geht.