1. Kultur

Neue und unglaubliche Familiengeschichten von Wladimir Kaminer

Bestseller : Und plötzlich von Vollidioten umgeben

Bestsellerautor Wladimir Kaminer staunt betörend über die Welt und die nachwachsende Generation. Der gebürtige Russe ist immer noch der größte Welten-Stauner unter der Sonne, dem es gelungen ist, sich mit 53 Jahren noch jene Naivität zu bewahren, die man bei konventioneller Sozialisation mit sieben, spätestens acht Jahren für immer abgelegt haben dürfte.

Die Welt ist voller Phänomene. Und eins der größten, wenn nicht vielleicht das größte und verstörendste überhaupt, ist das der Generationen. Wenn also die Älteren zunehmend fassungslos auf das Verhalten der Jüngeren schauen, während für den Nachwuchs die Lebensart der Eltern schlichtweg unbegreiflich geworden ist. Darüber ist schon allerlei geschrieben, nachgedacht und philosophiert worden, doch von niemandem so kenntnisreich wie von ihm: Wladimir Kaminer. Er ist der größte Welten-Stauner unter der Sonne, dem es gelungen ist, sich mit 53 Jahren noch jene Naivität zu bewahren, die man bei konventioneller Sozialisation mit sieben, spätestens acht Jahren für immer abgelegt haben dürfte.

Und so schreibt der Bestsellerauor von „Russendisko“ einfach mal so auf, was er sieht, wundert sich unverdrossen über alles, was er scheinbar nicht versteht – und hat damit ein Riesenpublikum hierzulande erobert. Fast vier Millionen Mal verkauften sich bislang seine Bücher, und sein jüngstes dürfte das Geschäft noch einmal deutlich ankurbeln. Schließlich geht es ja um das größte Phänomen überhaupt.

Große Recherchen werden nicht nötig gewesen sein, denn seine neuen Familiengeschichten – versammelt unter dem Titel „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ – dürften dem eigenen Lebensumfeld entstammen; also seiner Beobachtung der eigenen Kinder, bei denen sich früher oder später der Verdacht zu bestätigen scheint, sie seien nur noch von Vollidioten umgeben.

Es gibt aber auch wirklich schwierige Situationen zu meistern. Eine davon ist die Übergabe des eigenen und skandalös alten Smartphones an die Oma, die über diese Gerätschaft noch nicht verfügt. Eigentlich kein Ding, aber im Grunde doch eine Riesensache – emotional wie technisch. So werden vor der Übergabe alle Fotos, Kontakte, Videos gelöscht, ebenso die offenen Accounts bei Tinder und Instagram. Dann ist es soweit, und fast alles klappt, bis auf die blöde Kindersicherung, die vor Urzeiten installiert worden war und die Oma, als sie ein Schachspiel herunterladen will, mit der Frage konfrontiert: „Frag deine Eltern, ob du dieses Spiel spielen darfst.“

Früher war halt doch alles besser und netter, weiß die betroffene Oma und erinnert ans brave Rotkäppchen. Da muss dann der Vater mit einer speziellen Märchen-Exegese einspringen. Dass vermutlich Rotkäppchen-Mutter alleinerziehend und in Geldnöten gewesen war, sie darum das unwillige Rotkäppchen auf Pumptour losschickte, das nur deshalb die bescheuerte rote Kappe tragen musste, damit Oma sie erkennt; und so weiter.

200 Seiten geht das so. Bis am Ende dieser Generationen-Phänomenologie das Happyend naht: mit den ewig gültigen „vier Merkmalen des Erwachsenwerdens“. Erstens: Die Kinder kaufen sich plötzlich Leitz-Ordner und heften darin selbst die Studienbescheinigungen sorgfältig ab; zweitens: sie trinken jetzt lieber Riesling statt billigen Aldi-Rum mit Ananasgeschmack, drittens: Zeugnisse der Kindheit wandern in den Keller und viertens mögen sie jetzt Oliven.

Alles unglaublich, irgendwie unfassbar, aber doch auch wahr. So geht das Leben immer weiter; und Wladimir Kaminer, – 1990 aus der Sowjetunion in die Noch-DDR eingewandert – sitzt mittendrin und staunt und schreibt über sein Staunen. 30 Bücher sind es inzwischen. Sein jüngstes gehört mit zu den schönsten.