Neue Kunst im alten Potsdam

Kunst in Potsdam : Neue Kunst im alten Potsdam

Das private Museum Barberini entwickelt sich zu einem gefragten Zentrum der Kunstvermittlung – und Potsdam hat noch weit mehr zu bieten.

Sichten und ordnen, aufbereiten und bewahren, das Wichtige vom Unwichtigen abtrennen. Verborgene Schätze heben, Bekanntes in neuem Licht erstrahlen lassen. Ein Kunsthaus, das nicht in musealer Repräsentation erstarrt, sondern offen und transparent ist und den Besucher mitnimmt in unwegsames Gelände, ihm lustvoll aufzeigt, was war und ist und sein wird: Das von Kunst-Mäzen Hasso Plattner inspirierte Museum Barberini hat vor zwei Jahren die Pforten einer wieder aufgebauten Barock-Villa in Potsdam geöffnet. Schon jetzt ist es kaum wegzudenken aus der Museumslandschaft von Brandenburg und einen Besuch allemal wert.

Nach Exkursionen durch den französischen Impressionismus, die amerikanische Moderne, die (fast) vergessene Kunst der DDR und das abstrakte Werk von Gerhard Richter wird jetzt die – mit knapp 30 Werken kleine, aber feine – Ausstellung „Nolde, Feininger, Nay: Vom Expressionismus zum Informel“ präsentiert. Die Schau gleicht einem kurzen Spaziergang durch die Moderne, einem kleinen Lehrgang der künstlerischen Avantgarde vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie flaniert von der „Brücke“ und dem „Blauen Reiter“ bis zum „Bauhaus“ und zur „Informellen Abstraktion“.

Es geht um die vielgestaltigen Möglichkeiten von Farbe und Form, um künstlerischen Selbstausdruck und um den Künstler im Räderwerk der politischen Zeitläufte. In Emil Noldes mit wuchtigen Strichen hingeworfener „Blauen Stimmung“ (1905) verschmelzen Landschaft, Himmel und Meer zu einer vom Farbrausch beseelten Einheit. In Max Pechsteins „Das rote Teegeschirr“ (1916) kündigt sich in kühler Präzision die Hinwendung von expressiver Gefühlsduselei zur analytischen Neuen Sachlichkeit an. Wassily Kandinsky experimentiert in „Oben und links“ (1925) mit geometrischen Formen und komplexen Strukturen. In einem der letzten Gemälde von Lyonel Feininger, „Segelboote“ (1954), werden feine Linien und filigrane gegenständliche Elemente bis an die Grenze des Abstrakten reduziert. Willi Baumeister hat diese Grenze überschritten und spielt in „Nocturne auf Blau“ (1953) mit Farben und Klängen.

Ernst Wilhelm Nay arrangiert in „Schwarze Bahn“ (1955) Scheiben und Kreise zu visionären Bildmotiven. Schließlich: Fritz Winter, der die deutsche Nachkriegsmoderne entscheidend mitbestimmte, mit polygonalen Farbflächen, wuchtigen Pinseln und großen Wischern experimentierte – und heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Zu Unrecht. Wer „Verlöschendes Rot“ (1962), „Das blaue Kreuz“ (1967) oder „Violett und Grau“ (1967) genau betrachtet, wird in den abgeschabten Farben, den starken Kontrasten, den manchmal zum Rand hin ausfasernden Elementen einiges entdecken, was bis in die Postmoderne weiterwirkt. Der kurze Spaziergang durch die Werk-Geschichte wegbereitender Künstler der Moderne ist eine Schule des Sehens.

Um die Kunst des Sehens zu vertiefen, empfiehlt sich ein Gang zum nahe gelegenen Filmmuseum Potsdam. Hier werden nicht nur Klassiker der Filmgeschichte gezeigt, sondern auch unzählige Objekten ausgestellt, Requisiten, Drehbücher, Kostüme, die das Kino – vor allem in den Filmstudios von Babelsberg – zum Massenkunstwerk gemacht haben. Wer den Kopf wieder frei hat und die Bilderflut eindämmen möchte, geht am besten hinüber ins wunderschön restaurierte Holländische Viertel, genießt das bunte Treiben und füllt seinen Blutzuckerspiegel im „La Maison du Chocolat“ auf, einem gemütlichen Café mit allerfeinsten Leckereien, unverschämt süßen Getränken und ausgetüftelten kleinen Speisen. Mit frisch erweckten Lebensgeistern muss sich der Potsdam-Flaneur entscheiden: Entweder geht er hinüber in den Neuen Garten, um sich das hinter allerlei Grünzeug versteckte und im englischen Landhausstil erbaute Jagdschloss Cecilienhof anzusehen, in dem 1945 auf der Potsdamer Konferenz von den Siegermächten die deutsche Nachkriegsordnung ausgehandelt wurde.

Oder er gönnt sich die volle Ladung Preußische Geschichte, schlendert zum Park von Sanssouci, glaubt im „Voltairezimmer“ des Schlosses zu hören, wie der Alte Fritz mit dem französischen Aufklärer Voltaire diskutierte oder im „Konzertzimmer“ mehr schlecht als recht die Flöte spielte. Vielleicht tragen einen die müden Füßen sogar noch vom kunstvergessenen Schloss Sanssouci zum trutzigen Neuen Palais am anderen Ende des riesigen Parks. Wo einst im Sommer preußische Könige und deutsche Kaiser ihr Reich verwalteten und in den Untergang führten, erzählt heute ein Museum von Glanz und Gloria längst vergangener Zeiten.

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