Neue Kapelle in Mönchengladbach-Windberg

Kirchenneubau in Mönchengladbach: Gott ist auch in der kleinsten Hütte

Anderswo schließen Kirchen, in Mönchengladbach hat eine Gemeinde eine zweite gebaut – die „kleinste Kapelle am Niederrhein“.

Auf dem Holzweg ist man hier nicht, obwohl dieser Winzling von Raum noch mächtig nach Lärchenholz riecht. Es ist vielmehr ein Weg zu Gott, und zwar ein ungewöhnlicher. „Vielleicht ist das hier“, sagt der Mann mit List und Ernst, „der kleinste evangelische Dom der Welt.“ Er kenne jedenfalls kein vergleichbares Häuschen, das Gott geweiht sei, jedenfalls nicht im Rheinland. Pfarrer Karl-Heinz Bassy wirkt heute erleichtert, denn der Dom steht vor der Tür. Schon mehrere Architekten aus der Ferne, sogar aus dem hochkatholischen Köln, hätten sich nach dem Kuriosum erkundigt. Einer sagte, diese Hütte dürfte sogar auf dem Kirchentag Furore machen.

In Zeiten, da Kirchen eher geschlossen als neu eröffnet werden, mutet die bauliche Tat im Mönchengladbacher Stadtteil Windberg wie eine antizyklische Sensation an. Den Neugierigen musste Bassy aber lange sagen, das Kirchlein befinde sich noch in der Werkstatt des Orgelbauers Martin Scholz, der ansonsten wundervolle Königinnen der Instrumente baut, aber derzeit die Jona-Kapelle für Windberg.

Jona, Jona – war das nicht dieser Prophet, der die Umkehr predigte, aber seinem Gott nicht hundertprozentig folgte, deshalb im Bauch eines Wals landete und nach drei Tagen intensiven Betens unverdaut ausgespieen wurde? Tatsächlich sitzt man im Bauch der Kapelle regensicher, kein Sturm, kein Hagel kann einem etwas anhaben. Und weil die nebenan stehende Johanneskirche, gleichsam das Mutterhaus, nun auch keine Kathedrale ist, haben die Protestanten in Windberg jetzt zwei sehr dezente Gotteshäuser.

Seit gestern steht die Kapelle nun an ihrem Platz, und wer sie sieht, fühlt sich sogleich zu Vergleichen und zum theologischen Erklärmodus animiert. Sie sieht aus wie eine Telefonzelle. Ja, man gerät unweigerlich in Kontakt zu Gott. Sie sieht aus wie eine Sauna. Ja, Gott begleitet einen, auch wenn man ins Schwitzen gerät. Sie sieht aus wie ein Dixi-Klo. Ja, bei Gott kann man etwas loswerden. Sie sieht aus wie eine Umkleidekabine. Ja, Gott kann einen verwandeln, wenn man nur alles vorher ablegt. Sie sieht aus wie eine Bushaltestelle. Ja, Gott holt einen ab, wenn man sich ein wenig nach seinem Fahrplan richtet.

Für einen Beichtstuhl, wie ihn die Katholiken kennen, ist die Kapelle aber zu klein. Der Pfarrer muss draußen bleiben, und damit weder er noch jemand anderer stört, legt man einen Hebel um, und draußen ist zu lesen: Besetzt.

Auf die Idee kam Pfarrer Bassy vor einigen Jahren, als er das Künstlerdorf Worpswede besuchte und dort „die kleinste Galerie der Welt“ vorfand; maximale Besucherkapazität: einer. Da keimte in ihm eine Idee: Wie wäre es, wenn wir nach diesem Vorbild eine Kapelle bauen? Im Gegensatz zu den Katholiken mit ihren Gnadenhäuschen, Bildstöcken und Kapellen sind ähnliche Kleinodien in der protestantischen Architektur nicht unbedingt vorgesehen. Bassy wähnte sich am Beginn einer schwierigen Überzeugungstournee. Doch seine Bedenken waren unbegründet: Das Windberger Presbyterium reagierte mit Neugier und Tatendrang. Bassy bekam grünes Licht.

Der Architekt Heinz Döhmen entwarf das Modell, seine Kollegin Lina Lerche führte seine Pläne fort. Spender ließen sich nicht lumpen, sie waren auch willkommen, denn es sollte ja mitnichten eine Bretterbude werden, sondern ein Schmuckstück: von außen naturbelassen, doch innen kostbar, mit einem Kreuz, anheimelnden Farben, einer Sitzbank. Damit das Gebet gehörig verdichtet und befeuert wird, stehen im Regal auch ein Gesangbuch, eine Bibel und eine Kerze: ein Wandteppich soll noch folgen, der St.-Martins-Verein will die Kosten für weitere wichtige Accessoires übernehmen. Neben der Tür ist sogar ein Griff angeschraubt, an dem sich Menschen hochziehen können, die auf einen Rollator angewiesen sind.

Über Geld für den Dom redet man hier noch nicht, zumal auch nicht alle Kosten zuende kalkuliert sind. Sie dürften sich im unteren fünfstelligen Bereich bewegen. Eine Orgel gibt es natürlich nicht, aber vielleicht etwas Musik? „Wir sind für alles offen“, sagt Pfarrer Bassy, „so ein kleiner Dom muss ja erst wachsen.“ Gewiss liegt er als Miniatur im Trend, „tiny houses“ sind als Lebensentwurf – wenig Platz, viel Inhalt – im Schwange.

Tatsächlich ist die Jona-Kapelle robust, mit dicken Wänden, unter ihrem Schutz und Schirm, einem Aluminiumdach, kann draußen die Welt untergehen; zudem steht sie auf einem Betonsockel im Stahlrahmen. „Die klaut uns keiner“, hofft Bassy, der gleichwohl fürchtet, dass eines Tages Vandalen und Sprayer kommen. Doch die Windberger werden auf ihren kleinen Dom aufpassen, und gleich nebenan steht ja das riesige Windberger Hochhaus. Bassy überlegt, einen Bittgang durchs Hochhaus zu machen, um nach Paten zu suchen, die gelegentlich einen Blick auf den Kleinen werfen. Ab 21 Uhr abends wird Bassy in Schluppen auf den Kirchvorplatz treten und das Gotteshäuschen verschließen.

Und wie ist es nun allein in der Kapelle? Die erste Betprobe verläuft inspirierend. Eine „Camera silens“, also ein schalltoter Raum, ist das mitnichten. Draußen macht sich eine Elster bemerkbar, deren Krächzen ist sogar hier drinnen unüberhörbar. Durch die schmalen Fensterschlitze sieht man sie dann auch wegfliegen. Umgekehrt kann aber von draußen niemand hereinschauen. Und wie man da so sitzt und schaut und denkt, merkt man, wie einen der geistige Zauber des Raums mit soghafter Macht einholt. Man ist mitten im Leben und doch mit sich allein, ja dem Leben entrückt. Das geht einem, es kann  nicht anders gesagt werden, zu Herzen.

Am Sonntag wird die Jona-Kapelle feierlich eingeweiht. Auch Katholiken sind herzlich willkommen, „und zwar nicht nur zum Festtag“, sagt Bassy, „sondern immer“. Gut zu wissen: Der Autor dieser Zeilen ist auch einer.

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