Neue Reihe von Bestsellerautorin Anna Ruhe Das Aroma geschriebener Worte

Anna Ruhe hat ein Näschen für gute Geschichten und ein Händchen für erfolgreiche Jugendliteratur. Gerade hat die Autorin der sechsteiligen Reihe „Die Duftapotheke“ den ersten Band der „Duftakademie“ veröffentlicht. Dafür reiste sie nach Versailles.

 Anna Ruhe bei einem Besuch im Duftmuseum von Köln.

Anna Ruhe bei einem Besuch im Duftmuseum von Köln.

Foto: Sabine Janssen

Der Duft von Earl-Grey-Tee versetzt Anna Ruhe in jene Zeit zurück, da sie als Teenie in England war. Erinnerungen an glückliche Tage sind das. Ganz anders das Schnuppern des Bergamotte-Aromas. „Da liefen mir plötzlich die Tränen über die Wangen“, erzählt Anna Ruhe. Keine Frage, Düfte faszinieren die Kinder- und Jugendbuchautorin aus Berlin: „Das Riechen ist der einzige Sinn, den wir nicht bewusst ausschalten können.“

In Ruhes Büchern haben die Düfte Macht: Sie können altern verhindern, vergessen machen, den Himmel verdunkeln, Pflanzen wuchern lassen. Es gibt schöne und gefährliche Odeurs. Sechs Bände hat Ruhe seit 2018 mit den Abenteuern der „Duftapotheke“ gefüllt und ein betörendes Fantasy-Universum geschaffen, in dessen Mittelpunkt Luzie Alvenstein und die Villa Evie mit ihrer unterirdischen Aromen-Zentrale standen. Luzie entdeckt, dass sie eine Sentifleur ist. Das heißt: Sie kann Düfte nicht nur riechen, sondern erfühlen.

Mit der Magie der Gerüche bewies die 45-Jährige einen guten Riecher für ein romanfüllendes Thema. Die duften Abenteuer landeten prompt auf der Spiegel-Bestsellerliste und sind inzwischen in elf Sprachen übersetzt. Sehr markant sind die Bücher auch dank ihrer von Claudia Carls prächtig, üppig und schnörkelig illustrierten Cover.

Doch sechs Bücher weiter sind die Geheimnisse der Villa Evie erkundet und Luzie ist endgültig erwachsen geworden. „Ich hatte das Gefühl, dass die Duftapotheke an ein natürliches Ende gekommen war. An der Stelle musste Schluss sein“, sagt die Autorin. Zeit für einen Spin-Off. Seit diesem Herbst nun gibt es einen Weiterdreh: „Die Duftakademie“ – mit neuer Hauptfigur, neuem Setting, gleichem schnörkeligen Outfit und gleichwohl geruchsintensiven Abenteuern. Drei Bände sind geplant.

So ganz entlässt Ruhe die beliebte Protagonistin aus der Duftapotheke allerdings nicht in den Ruhestand: Es gibt ein Wiedersehen mit Luzie Alvenstein als Schulleiterin der Duftakademie. Allerdings hält sie sich sehr im Hintergrund. In den Vordergrund rückt die 13-jährige Ella Fredericks (13); sie ist in Band vier „Das Turniere der tausend Talente“ schon mal aufgetaucht. Ella – jetzt 13 – erhält zu Beginn die langersehnte Zulassung zur Duftapotheker-Ausbildung. Harry Potter und andere große Fantasy-Epen lassen grüßen, und man würde sich nicht wundern, wenn dieses Universum der Gerüche seinen Weg recht zeitnah auf die Kinoleinwand finden würde.

Ella jedenfalls muss erst mal mittels eines „Hauchs ungesagter Worte“ den Einladungstext auf die leeren Briefbögen zaubern und landet dann schnell in der Akademie, die kein ganzjähriges Internat, sondern ein Sommer- und Herbstcamp anbietet, um talentierte „Nasen“ in die Magie zu unterweisen. Die Schülerinnen und Schüler wohnen in Baumhäusern und Wohnwagen, die Akademie ist ein unterirdisches Labyrinth, das ein Eigenleben führt, weswegen es sich günstig auf das Überleben auswirkt, sich an die Hausordnung zu halten. Ella freundet sich mit Polly und Ben an, derweil eine mysteriöse Gruppe die Ausbildung der künftigen Duftapotheker verhindern will.

Manche Details erinnern tatsächlich an Harry Potter wie etwa der mysteriöse Orden, anderes ist eine gelungene Persiflage auf unseriöse Meinungsmache in den sozialen Medien, eine spannende Fantasy-Geschichte ist es allemal. Die „Duftapotheke“ zu kennen hilft, sich in die Welt der magischen Brisen einzufinden. Voraussetzung ist es aber nicht.

Wie mit Luzie Alvenstein schafft Anna Ruhe mit Ella wieder eine gute Identifikationsfigur, ein Mädchen mit Talenten und mit Selbstzweifeln. „Es hat mich sehr berührt, dass Mädchen und Jungen mir geschrieben haben, dass sie sich wie Luzie fühlen. Sie finden sich in der Figur wieder“, sagt Ruhe, die selbst von ihrer Hauptfigur gelernt hat. „Wenn wir versuchen, uns von den Beurteilungen anderer freizumachen und mehr unseren eigenen Beurteilungen vertrauen, können wir eine ganze Menge Talente in uns entdecken.“

Für die „Duftakademie“ ging Anna Ruhe auf Recherche-Reise. Sie besuchte 2019, vor der Pandemie, die Osmothèque, ein Duftarchiv im französischen Versailles, eine Bibliothek quasi, in der gut 4000 Düfte archiviert sind. „In der Sammlung befinden sich die Rekonstruktionen von sehr alten Duftwassern etwa aus dem Römischen Reich und das Parfüm von Napoleon Bonaparte, als er im Exil auf St. Helena lebte. Es ist ein Duft mit Öl und Honig. Man riecht förmlich die Vergangenheit“, erzählt Ruhe. Sie besuchte außerdem die Parfümeursschule ISIPCA (Institut supérieur international du parfum, de la cosmétique et de l’aromatique alimentaire), schaute in die Labore, interviewte angehende Parfümeure. „Es braucht fünf Jahre um eine ‚Nase‘ zu werden“, erzählt Ruhe. In Berlin traf sie die Parfümeurin Marie Urban, schaute ihr bei der Kreation eines Parfüms über die Schulter und lernte, wie man es schafft, dass Düfte unwiderstehlich werden, obwohl sie auf jeden Menschen anders wirken.

 „Ich finde die Wirkung von Düften so faszinierend, weil sie mich in Geschichten hineinversetzen“, sagt sie. In Deutschland sei das Riechen kein großes Thema. „Es ist unsichtbar. Dabei werden heute Räume, selbst Joghurts heute beduftet.“ Es gebe noch viel zu erforschen, etwa in der Medizin, in der man zum Beispiel die Wirkung von Düften auf Wachkoma-Patienten beobachte. Was Anna Ruhe gern erfinden würde: „einen Duft des Mitgefühls oder ein empathisches Odeur. Ich glaube, unsere Welt könnte das dringend brauchen.“

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