Neue Grass-Debatte um Kriegsleid

Neue Grass-Debatte um Kriegsleid

Danzig Natürlich hat es Nachkriegsdeutschland gut getan, in Oskar Matzerath einen Blechtrommler aus den Reihen der Nation zu wissen, der nicht den Nazis zujubelte – sondern der im Grass-Roman unter der Tribüne hockte und den braunen Machthabern mit seinem Instrument den Swing und das Tanzen lehrte. Doch dieses Gefühl der Erleichterung vermag Nobelpreisträger Günter Grass längst nicht mehr zu spenden – spätestens mit dem Eingeständnis, als 17-Jähriger, "jung und dumm", Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Auch dies steht in einem Buch, in seiner Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel", die mit fünfjähriger Verspätung jetzt in Israel erschienen ist und gleich eine Debatte auslöste. Die aber hat Grass selbst verstärkt mit einem Interview, das er dem israelischen Historiker Tom Segev gab. Anlass zur allgemeinen Empörung gab darin seine Aussage: Der Holocaust sei nicht das einzige Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gewesen. Und: Bis zu sechs Millionen deutsche Kriegsgefangene seien allein von den Sowjets "liquidiert" worden.

In der Debatte geht es nicht so sehr um die Richtigkeit der Zahl; die ist nach Erkenntnissen von Historikern ohnehin völlig falsch. Vielmehr sind solche Aussagen immer auch eine Art Aufrechnung mit der Vernichtung der Juden. Und in dieser Gegenüberstellung wird zwangsläufig die Shoah – das unfassbare und historisch unvergleichliche Massenmorden – relativiert. Das ist noch einmal die Beatmung jenes bedrückenden Historkerstreits, den Mitte der 80er Jahre unter anderem Jürgen Habermas gegen Ernst Nolte führte.

Die Aussage von Grass ist aber kein unbedachter Fehltritt. Natürlich wusste er, wem er gegenüber saß, welche Bedeutung seine Worte haben, wie genau sein Befund historisch eingeordnet wird. Auch darum ist sein Interview kein blöder Lapsus, sondern ein Bekenntnis, das aus früheren Büchern und Aussagen gewachsen ist: zu einem wachsenden Opferempfinden der Deutschen.

Das beginnt bei Grass spätestens mit der Novelle "Im Krebsgang" 2002, in der er vom Untergang der "Wilhelm Gustloff" mit 9000 Flüchtlingen erzählt. "Meine Generation", so hat es Grass einst im RP-Gespräch gesagt, sei nach dem Krieg nur mit den Verbrechen konfrontiert worden, "die wir begangen haben". Nun gelte es, das Unrecht der Vertreibung zu schildern. Nach seinem SS-Eingeständnis hat sich Grass 2007 als gekränkter "Dummer August" bedichtet und gemalt mit so einem komischen Hütchen auf dem Kopf. Eine alberne, selbstgerechte Geste damals. Sie ist mittlerweile unerträglich geworden.

(RP)
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