Köln: Neil Young spielt Rockgeschichte

Köln: Neil Young spielt Rockgeschichte

Mit Crazy Horse gab er in Köln das einzige NRW-Konzert auf seiner Tour.

Zwei Stunden des Konzerts sind vielleicht vergangen, als Neil Young auf uns "Hey, Hey, My, My" niedergehen lässt. Da ist es natürlich zu spät für die betuliche Out-of-the-Blue-Fassung; also fliegt uns die übersteuerte, dreckige Into-the-Black-Version um die Ohren. Das ist ein Bekenntnis, eine Liebeserklärung ans Weitermachen: "It's better to burn out, than to fade away" heißt es ja mittendrin, und wer darin nicht das Lebensmotto von Neil Young erkennt, war jetzt in der fast ausverkauften Kölner Lanxess-Arena leider nicht unter uns.

Keiner sollte an diesem Abend allein sein, und Neil Young zeigt mit Crazy Horse, was das heißt: drei Gitarristen – eingerahmt von ulkigen Attrappen alter Fender-Boxen – scharen sich ums Schlagzeug wie ums wärmende Lagerfeuer in der Prärie. Doch die Jungs sind alte Männer, fast siebzig, und was sie uns zu berichten haben, sind Geschichten vom gelebten Leben und anderen Helden. "Hey, Hey, My, My" ist die Geschichte von Sex-Pistols-Mann Johnny Rotten, und mittendrin spielt Neil Young noch ein Lied vom vielleicht Größten: "Blowin' in the wind" von Bob Dylan. Einfach so und so original, wie wir es von Dylan garantiert nie mehr zu hören bekommen.

Überhaupt geht Young sorgsam mit dem Liedgut um: Respektvoll spielt er "Heart of Gold", achtsam das wuchtige "Cinnamon girl". Das heißt aber nicht, dass es auch anders geht. Während Dylan die Songs dekonstruiert, zertrümmert Neil Young seine Lieder. "Love And Only Love" zum Beispiel gerät gleich zu Beginn in den Schredder der drei Gitarristen. In solch magischen Momenten spielt Frank Sampedro seine Rhythmus-Gitarre irgendwo unterhalb der Kniescheibe, Bassist Billy Talbot versucht zu retten, was noch zu retten ist, während Neil Young mit schmerzverzerrtem Gesicht seine legendäre Gibson-Gitarre "Old Black" geradewegs durch die Hölle schickt. Auch darum werden wir nie erfahren, ob Ralph Molina ein ordentlicher Drummer sein könnte, weil das Schlagzeug bei dieser Gitarrenüberwältigung das unwichtigste Instrument ist. Es wirkt neben dem akustischen Urviech namens Crazy Horse bestenfalls wie ein etwas zu lautes Metronom.

Sie alle haben viel durchgemacht. Die Spuren in ihren Gesichtern erzählen davon. Ein kleines No-rain-Intermezzo erinnert an Woodstock, und wenn Neil Young sein Instrument ablegt, knüpft er nur den ausgefransten und mit Peace-Emblemen bestückten Gitarrengurt auf. Dann lässt er es zu Boden sinken und überlässt es einem herbeigeeilten Helfer. Irgendwann geht noch ein Schuh auf, den sich Young lässig und mit dem Fuß auf dem Klavier neu bindet. Erst im Alter weiß man, dass wir alle Zeit der Welt haben.

Zum Abschied die einzige Ansprache ans frohe und meist betagte Kölner Publikum – mit dem schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen: Er will wiederkommen, sagt er. Aber man wisse ja nie, ob man einander noch einmal sieht. Passt auf beim Heimweg, sagt er darum. Im Auto. Oder in der Bahn. Das alles ist sehr anrührend. Eine große Erzählung der Rockgeschichte. Ein Hippie-Traum auch, der aber im Imperfekt erzählt wird und an den vielleicht diese junge Frau erinnert, die ein paar Minuten über die Bühne irrlichtern darf. Die Gitarren sind es, die noch keine Ruhe geben wollen. "Hey, Hey, My, My – Rock'n'Roll will never die."

(RP)
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