Neil Young - "A Letter Home"

Düsseldorf : Neil Youngs Lieder aus der Telefonzelle

In den elf Titeln des neuen Albums klingt der Sänger älter, als er ist.

Welche Songs werden die Zeiten überdauern? Die elf Titel, die Neil Young auf seinem neuen Album "A Letter Home" versammelt, haben gute Chancen. Der Kanadier hat sie mit einem Trick vom Ballast einer Studioproduktion befreit, ihren Kern freigelegt und präsentiert sie als universale Lagerfeuerlieder. Er hat sie in einer Art Telefonzelle aufgenommen.

Der Voice-O-Graph ist eine historische Aufnahmekabine, die zwischen den 40er und den 60er Jahren in den USA auf Jahrmärkten, Amüsiermeilen oder an der Spitze des Empire State Buildings zu finden war. Sein Benutzer warf Münzen ein, sprach eine Nachricht ins Mikrofon und erhielt kurze Zeit später eine Vinyl-Platte mit der Aufnahme. Jack White, der sich mit seinem ersten Soloalbum vor zwei Jahren als lebendiges Rock-Archiv inszenierte, besitzt in seinem Studio Third Man Records den einzigen noch funktionierenden Voice-O-Graph.

Man mag es als Spielerei abtun, dass sich der 68-jährige Rockopa Neil Young jetzt in die Kabine gestellt hat und darin älter klingt, als er ist. Doch nach mehrmaligem Hören von "A Letter Home" treten zwei Effekte auf: Man gewöhnt sich an den leiernden, knisternden Sound mit geringem Frequenzumfang. Er erinnert an die wenigen überlieferten Aufnahmen von Blueslegende Robert Johnson oder die von Schellack-Schätzchen geretteten Lieder der Comedian Harmonists. Außerdem bescheren die Aufnahmen dem gnädigen Hörer ein Aha-Erlebnis: Ein guter Song funktioniert auch ohne opulente Produktion, sogar ohne filigrane Fingerpickings.

So spielt Neil Young mit einfachem Akkordschlagen eine berührende Version von "Needle of Death" des Pickingmeisters Bert Jansch - den Song also, der ihm selbst Vorbild für "The Needle And The Damage Done" war. Er startet mit "Changes" von Phil Ochs, der dem jungen Bob Dylan ein Vorbild war, und lässt "Girl From The North Country" folgen, das Dylan einst in Nashville im Duett mit Johnny Cash sang. Zweimal vertreten ist Gordon Lightfoot, unter anderem mit "If You Could Read My Mind", dem auch der späte Johnny Cash auf seinen American Recordings ein Denkmal setzte.

Mit Wandergitarre, Mundharmonika und ab und an Jack Whites Klavierbegleitung bildet Neil Young auf dem neuen Album ein Koordinatensystem der eigenen Einflüsse, in dem sogar Bruce Springsteens "My Hometown" ohne Synthesizer und Hall auf der Stimme funktioniert.

(RP)
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