Nachruf auf den Dirigenten Mariss Jansons

Nachruf auf einen Giganten : Glühende Liebe zur Musik

Im Alter von 76 Jahren ist Mariss Jansons, der größte Dirigent unserer Zeit, in St. Petersburg gestorben.

Einmal war ihm die Liebe dermaßen zu Herzen gegangen, dass er fast daran gestorben wäre. 1996 war das, in Oslo, wo er eine Aufführung von Puccinis Liebesdrama „La Bohème“ dirigierte, und ganz am Ende, wenn Mimi stirbt und Rudolfo das Herz bricht, erlitt er selbst einen Herzinfarkt. Fast hätte er den gleichen Tod am Pult erlitten wie sein eigener Vater, der lettische Dirigent Arvid Jansons.

23 Jahre also trug Mariss Jansons, der vermutlich bedeutendste Dirigent unserer Tage, das Wissen um sein kaputtes Herz mit sich herum, doch an Schonung dachte er keine Sekunde. Zwar machte er Pausen, aber ohne Musik wäre er qualvoll eingegangen. Sie war seine erste, größte und letzte Sucht gewesen, seit er als Dreijähriger damals in Lettland Partituren auf dem Wohnzimmertisch aufgeklappt und mit einem Stöckchen vor laufenden Schallplatten Dirigent gespielt hatte; seit er mit dem Papa im Opernhaus gesessen und später dem großen Orchestererzieher Jewgenij Mrawinsky in St. Petersburg zugeschaut hatte, wonach die Lernkurve steil nach oben führte. Die Studienjahre in Wien bei Hans Swarowsky und Herbert von Karajan gaben ihm den letzten Schliff.

Mariss Jansons, 1943 in Riga geboren und früh mit der Sehnsucht nach der Kunst infiziert, hat alle bedeutenden Orchester der Welt dirigiert, er vertrat die russische Schule, einen glühenden Pragmatismus des Klangs, aber in den entscheidenden Momenten war er ein Künstler ohne Scheuklappen. In Wien konnte er mit den Philharmonikern durch Strauß-Walzer schlendern, in Amsterdam leitete er Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ ausgerechnet in der Ravel-Orchestrierung (nicht derjenigen von Rimski-Korsakow).

Gleichwohl, wenn er sich die Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch vornahm, dann tat sich eine Welt von intensivster Leidenschaft auf, die vielleicht nur einem Künstler erfahrbar ist, der durchs Stahlbad der russischen Dirigentenschule gegangen ist. Soeben hat er die 7. Sinfonie, die ominöse „Leningrader“, eindrucksvoll mit seinen Münchnern aufgenommen, doch seine alte Einspielung von 1988 mit den Leningrader Philharmonikern atmet eine derartige Unmittelbarkeit, eine fast filmische Verdichtung, dass sie bis heute unschlagbar ist. Die große Passacaglia mit dem „Invasionsthema“ ist kaum je so ekstatisch musiziert worden.

Obwohl er die Welt und die Verlockungen der großen Säle liebte, war Jansons gänzlich anti-mondän und von überraschender Sesshaftigkeit. Er liebte es, mit einem Orchester zu verwachsen, das ging nicht über Nacht. In Oslo war er 21 Jahre Chef gewesen; dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks stand er seit 2003 vor. München war Jansons eine Herzenssache; dass die Stadt demnächst einen neuen Konzertsaal bekommen wird, ist zu 98 Prozent Jansons‘ Verdienst.

In München hat Jansons sein erzieherisches Leitbild verwirklicht: einen fruchtigen, zu allen Seiten offenen Klang, der sich zusammenziehen und dann blitzartig expandieren kann. Eine Verehrung der Melodie als überwölbender Linie, die nie zur Glasur verkommt. Eine Hinwendung zum kontrapunktischen Innenleben der Musik, das ihr den entscheidenden Wahrheitsgehalt schenkt. Im Finale von Mahlers Dritter gibt es eine der schönsten Mahler-Melodien überhaupt, und wenn man hört, wie Jansons ihr den Zuckerguss versagt, sondern stattdessen die zweiten Violinen ihre Gegenstimme nachdrücklich behaupten lässt, auf dass beide Stimmen einander am Ende liebend umarmen, dann kann man sagen: Der Dirigent hat Mahlers Idee einer Menschheitsmusik vollständig verstanden.

Er selbst war ja bei allem Arbeitsethos immer ein Umarmender gewesen. Sein Münchner Orchester hat er auf Händen getragen, sie haben ihm ihre Zuneigung im Kollektiv zurückgeschenkt. Kein Orchester der Welt ist und war so innig, von Herzen mit seinem Dirigenten verbunden wie die Münchner mit Jansons.

Jetzt ist Mariss Jansons, der leise Gigant, der nur Musik machen und damit Menschen entzünden wollte, in der Nacht zum ersten Advent gestorben – in St. Petersburg, wo die Wiege seines Lebens auf dem Podium gestanden hatte.