Martina Rosenberg: "Mutter, wann stirbst du endlich?"

Martina Rosenberg : "Mutter, wann stirbst du endlich?"

Die Journalistin Martina Rosenberg hat viele Jahre ihre Eltern gepflegt – eine Belastung für die Familie. Darüber hat die 49-Jährige nun ein Buch geschrieben.

Das Buch trägt einen grausamen Titel: "Mutter, wann stirbst du endlich?" (Blanvalet, 255 Seiten, 18 Euro) Doch darin erzählt die Autorin Martina Rosenberg von der Pflege kranker Eltern aus eigener Erfahrung. Sie wohnte mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Haus der Eltern und kümmerte sich um sie, als sie Hilfe brauchten: Ihre Mutter erkrankte 2004 an Demenz, und der Vater hatte kurz darauf einen Schlaganfall. Die Mutter verlor ihr Gedächtnis und wurde auch körperlich immer gebrechlicher. Der Vater war niedergeschlagen, wurde aggressiv – gerade der Tochter gegenüber.

Ihre Eltern konnten zu Hause bleiben. Das klingt doch zunächst nach einer guten Lösung.

Rosenberg Die Pflege zu Hause kann eine gute Lösung sein – aber nicht, wenn die Situation so extrem ist wie bei uns. Es ist schwer zu ertragen, wenn der Partner an Demenz erkrankt, und für meinen Vater war es auch furchtbar. Er konnte es nicht aushalten, meine Mutter kam nicht zur Ruhe, und für mich war die Nähe, die dauernde Konfrontation mit ihrem Leiden, extrem belastend.

Wäre es besser gewesen, wenn Sie Ihre Mutter in einem Pflegeheim untergebracht hätten?

Rosenberg Ja, heute sehe ich das so. Aber mein Vater hat sich immer dagegen gesträubt. Hinzu kam, dass es vor acht Jahren, als meine Mutter erkrankte, noch weniger Pflegeheime als heute gab, die auf demente Patienten eingestellt waren.

War es Zufall, weil Sie auch nach dem Umzug in der Nähe geblieben waren, oder sind es auch sonst vor allem Frauen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern?

Rosenberg Es sind fast immer die Töchter und Schwiegertöchter. Es kostet viel Zeit und Kraft, und es kann eine enorme psychische Belastung sein, insbesondere wenn man berufstätig ist und Kinder hat. Aber von Frauen wird erwartet, dass sie das hinbekommen.

Welche Denkanstöße wollen Sie mit Ihrem Buch geben?

Rosenberg Ich möchte dazu auffordern, dass Menschen darüber nachdenken, wie sie alt werden können und wollen, und zwar so, dass es für sie, aber auch für ihr Umfeld in Ordnung ist. Wenn man in einem kleinen Ort wohnt, im fünften Stock ohne Lift, und es gibt kein Lebensmittelgeschäft in der Nähe – dann sollte man über einen Umzug nachdenken, damit die 20 Kilometer entfernt lebende Tochter nicht jeden Tag kommen und einkaufen muss. Dann hoffe ich, dass Kinder und Eltern miteinander übers Altwerden sprechen. Wir haben das nicht getan, und sowohl meine Eltern als auch mich hat das alles unvorbereitet getroffen. Ich hoffe auf eine politische Debatte zum Thema Pflege.

In welchen Punkten sollte sich etwas ändern?

Rosenberg Ministerin Kristina Schröder will die häusliche Pflege stärken, zum Beispiel indem Arbeitnehmer eine Art "Elternzeit" nehmen können. Aber nicht jeder will sein Leben und seine Arbeit aufgeben, und längst nicht jeder kann sich das leisten. Wenn die Politik die Pflege zu Hause stärken will, müsste sie auch sinnvolle, lebbare Rahmenbedingungen schaffen.

Eine Alternative zur Pflege zu Hause ist die Unterbringung in einem Heim. Für die meisten dürfte diese Vorstellung aber eher furchtbar sein.

Rosenberg Viele Heime sind auch abschreckend – es fehlen gute Pflegeheime, die bezahlbar sind, ebenso neue Konzepte und neue Wohnformen. Es sollte kein Horror sein, am Ende seines Lebens in ein betreutes Wohnen zu gehen, sondern eine positive Erfahrung, weil man gut versorgt wird und unter Menschen sein kann, wenn man das möchte.

SABINE SCHMIDT FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)