Unsere Beste: Wenn wir Weltmeister werden, dann auch wegen Helene Fischer

Unsere Beste: Wenn wir Weltmeister werden, dann auch wegen Helene Fischer

Helene Fischer ist ohne Zweifel der größte Popstar Deutschlands. Ihr Lied "Atemlos durch die Nacht" liefert den Soundtrack zum Alltag von Millionen Menschen. Ein Versuch über den Erfolg.

Wenn Deutschland heute Weltmeister wird, dann auch wegen Helene Fischer. Die Nationalelf stimmt sich auf jedes Spiel mit dem Hit "Atemlos durch die Nacht" ein, sie lässt sich von Helene Fischer zum Sieg tragen, verriet Mittelfeldspieler Toni Kroos neulich. Und wer in den vergangenen Monaten auf einem Junggesellenabschied war oder auf einer Silberhochzeit, der weiß, welche Kraft dieser Song tatsächlich hat, wie stark er die Menschen bewegt und dass er sie zum Tanzen bringt. Seit mehr als einem halben Jahr ist der Titel in den Charts. Die Leute spielen ihn, wenn sie mit Freunden feiern, mit ihren Familien; es ist der Soundtrack dieses Jahres. "Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle / Alles, was ich bin, teil' ich mit Dir". Man muss nur diese Zeilen lesen und bekommt sofort Lust auf Prosecco. "Atemlos durch die Nacht" hat "Mensch" von Herbert Grönemeyer abgelöst und "Tage wie diese" von den Toten Hosen: Es ist das neue Lied der Deutschen.

Seine Sängerin ist 29 Jahre alt, seit neun Jahren im Geschäft und bereits der größte Star der deutschen Unterhaltungsindustrie. Helene Fischer wurde im sibirischen Krasnojarsk geboren, ihre Eltern sind Russlanddeutsche, und als die Tochter noch nicht ganz vier Jahre alt war, zogen sie nach Rheinland-Pfalz. Helene Fischer besuchte die Realschule, sie ließ sich zur Musicaldarstellerin an der Stage & Musical School in Frankfurt ausbilden, und als ihre Mutter, eine Ingenieurin, erkannte, wie talentiert Helene ist, ließ sie ein Demoband aufnehmen. Sie wählten den Titel "The Power Of Love" von Jennifer Rush und schickten ihn an die Schlagersängerin Kristina Bach, die für viele berühmte Künstler Lieder schreibt. Der Brief landete auf dem Schreibtisch von deren damaligem Ehemann, dem Musikproduzenten Uwe Kanthak. Der öffnete den Umschlag und hörte hin. Er dürfte gelächelt haben während des vierminütigen Songs, vielleicht hat er bereits von der Zukunft geträumt.

Heute ist Kanthak Helene Fischers Manager. Das Best-of-Album seines prominentesten Schützlings ist die meistverkaufte deutschsprachige Platte aller Zeiten, das aktuelle Album "Farbenspiel" das am häufigsten heruntergeladene. Ihre Tänzer castet Helene Fischer inzwischen in Los Angeles, für ihre Bühnenshows lässt sie sich von Weltstars wie Beyoncé inspirieren. Die Klatschmagazine berichten nahezu wöchentlich über Fischers Ferien-Villa auf Mallorca und ihre bemerkenswerte Beziehung mit Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen, der in Niederbayern wohnt, obwohl sie in Hessen lebt. Demnächst spielt sie im "Tatort", und noch wichtiger: Die laufende Stadiontournee gilt als nahezu ausverkauft. Helene Fischer ist Volkes Stimme.

Es ist faszinierend, wenn in Zeiten, da es gerade in der Musik den Mainstream gar nicht mehr gibt, eine Persönlichkeit von so vielen Menschen gemocht wird. Die populäre Musik ist in tausend Subgenres zersplittert, deren Anhänger sich in den digitalen Archiven, die jedem übers Internet offen stehen, reichlich bedienen können. Nur Helene Fischer mag anscheinend jeder. Wie hat sie das gemacht?

Zunächst hat sie den deutschen Schlager modernisiert. Musikalisch sind Stücke wie "Atemlos" mit ihren Beats und den Synthesizer-Melodien eindeutig dem Pop zuzuordnen, ein bisschen altmodisch vielleicht, auf dem Stand der 90er Jahre. Aber wer Kylie Minogue und Robbie Williams mag, kann auch Helene Fischer gut finden. Allein die Texte sind noch vom Gestus des Schlagers geprägt. Wobei man sich mitunter fragt, wie einem selbstbewussten Künstler auf diesem Erfolgsniveau solche Zeilen aus der Bleikammer des Gagaismus untergeschoben werden werden können: "Heut' fliegt die Erde aus der Bahn / Da will kein Mensch nach Hause fahr'n".

Fischer schreibt ihre Lieder nicht selbst, "Atemlos" etwa stammt aus der Feder von Kristina Bach. Ihre Autoren sind Profis, die wissen, dass es im Schlager darum geht, die Geschichte zu finden, die der Sänger mit dem Hörer teilt. Also lässt Helene Fischer am liebsten jene Momente beleuchten, die jeder kennt, in denen man aber verlegen ist um eine Erklärung dessen, was gerade mit einem passiert. Sie sucht nach Entsprechungen für den Zustand im Bauch ihrer Hörer, nach Bildern, in die sich andere hineinstellen können. Bilder, die jeder versteht, poetische Infrastrukturmaßnahmen. So tanzt sie "auf dem Vulkan" oder "auf Scherben", sie fährt "Achterbahn" vor Glück, die Nacht ist ein "Feuerwerk", und wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, wünscht sie sich "Flügel". Fischer weiß, dass im Liebesalltag nicht das Erobern am wichtigsten ist, sondern das Verteidigen. Also zwinkert sie uns komplizenhaft zu.

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Unterhaltung ist eine Form des Verkehrs von Menschen untereinander. Es geht weniger um Information über die Welt hinaus, sondern vielmehr um die Haltung des Sprechenden zur Welt. Die Darstellung der Welt, ihre Beschreibung, ist also nicht bloß Mittel, sondern Zweck. Sich selbst im Anderen erkennen, ist Zuspruch genug. Und Fischers Lehre ist so unverbindlich und erbaulich wie ein aufmunterndes Kaffeepausengespräch mit der Lieblingskollegin im Büro: Nicht zu wollen, kann man nicht wollen, man kann das Wollen nur lassen. Und wunschlos glücklich sein.

Fischer flicht Ausdrücke und Wendungen aus der Umgangssprache in ihre Texte. Wenn sie verliebt ist, dann "total", Discos heißen "Clubs", und in "Fehlerfrei" singt sie: "Verplant und verpeilt, daneben gestylt / So komm ich mir manchmal vor." Ihre Lieder halten den Draht zum Alltag der Hörer kurz, und das ist angenehm in einer Welt, die sich besonders widerspenstig gegenüber Abbildungsversuchen verhält. In den Songs von Helene Fischer herrscht ewiges Wochenende, es ist entweder Samstagabend oder Sonntagmorgen. Wobei es samstagabends um einiges sinnenfroher zugeht. Neuerdings nutzt sie die Reibungswärme des Tabus. Da ist viel und offensiv von Lust die Rede, am prominentesten gegen Ende von "Atemlos", wenn der Song noch einmal Fahrt aufnimmt und Fischer ganz unverschwitzt diesen mehr leidenschaftlich gemeinten als logisch formulierten Satz ruft: "Lust pulsiert auf meiner Haut!"

So mitreißend und alltagstauglich die Kompositionen indes sein mögen: Zu 70 Prozent hängt der Erfolg an der Interpretin, an der Person Helene Fischer selbst. Man muss sie live erleben, auf der Bühne sehen: Sie verströmt eine derartige Lebensbejahung, dass es zunächst schwierig ist, so viel Freundlichkeit zu widerstehen. Und sie ist eine tolle Sängerin. Sie wirkt wie einer dieser Kontaktanzeigen für die besseren Kreise entstiegen, die so schamlos sinfonisch formuliert sind: "Junge Firstlady mit hochkarätigen Neigungen sucht jemanden fürs grenzenlose Glück. Sie ist temperamentvoller Wildfang ebenso wie strahlende Top-Repräsentantin auf dem internationalen Parkett." In Konzerten singt sie "Let Me Entertain You" von Robbie Williams, das Lied von der "Biene Maja" und "Ein Bett im Kornfeld", und wenn sie die Hand in Richtung Publikum ausstreckt, möchte man unwillkürlich zugreifen und einen ihrer Titel zitieren: "Lass uns Wolkenträumer sein."

Nun darf man aber nicht vergessen, dass die Helene Fischer, die wir kennen, mindestens ebenso sehr eine Kunstfigur ist wie etwa Udo Lindenberg. Diese Kunstfigur ist so frisch und makellos und unberührt, dass man drei Etappen der Fasziniertheit durchlebt. In der ersten ist man verblüfft von so viel Perfektion und angezogen von der Sympathie, die sie in ihrer Anhängerschaft stiftet. In der zweiten sucht man nach dem Haken, dem doppelten Boden, nach Geheimnis und Abgrund. Und in der dritten ärgert man sich, dass selbst nach zweieinhalb Stunden nirgendwo etwas Subversives zu entdecken ist. Dass Fischer sich aufs Ausführen beschränkt und nicht stärker Künstlerin ist. Dass Salz und Pfeffer fehlen und es Helene Fischer nicht mal mit einem Chanson versucht, mit Feinsinn zu Pianobegleitung, sondern immer tiefer im Morast von Gleichnishaftigkeit und Reimzwang versinkt: "Du bist der Captain meiner Seele / Hast mein Schiff voll im Griff". Man möchte sie dann zu ihrem eigenen Besten von der Bühne weg entführen und zwei Tage lang in der Wohnung von Charlotte Roche verstecken.

Die Frage ist, wie es wohl weitergeht mit ihr. Ob sie nach der Tournee eine Pause einlegt? Oder im Gegenteil verstärkt über die Grenzen des deutschsprachigen Markts hinausgreift? Ob sie als Nächstes ein Duett mit Robbie Williams singt? Man weiß es nicht. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig, denn der Erfolg ist enorm, und morgen kann Deutschland mit Helene Fischer Weltmeister werden. Toni Kroos muss einfach zuhören und sich zu Herzen nehmen, was sie singt: "Komm, wir steigen auf das höchste Dach dieser Welt / Halten einfach fest, was uns zusammenhält."

Oho, oho.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helene Fischer - Ihre Outfits beim Echo 2014

(hol)