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Handy-Plage: Wenn's bei Mozart plötzlich bimmelt

Handy-Plage : Wenn's bei Mozart plötzlich bimmelt

Der Pianist ist an seiner leisesten Stelle im Klavierabend angekommen – und plötzlich klingelt mitten im Saal ein Handy. Derlei passiert leider dauernd, und es gibt nur wenige Mittel gegen diese Plage. Ein Grund: unsere Vergesslichkeit.

Der Pianist ist an seiner leisesten Stelle im Klavierabend angekommen — und plötzlich klingelt mitten im Saal ein Handy. Derlei passiert leider dauernd, und es gibt nur wenige Mittel gegen diese Plage. Ein Grund: unsere Vergesslichkeit.

Es war in Takt 53 des langsamen Satzes in Chopins Klaviersonate h-moll, als am vergangenen Samstag ein Konzertsaal plötzlich von Mordlust erfüllt war.

Während der große russische Pianist Grigory Sokolov jenen Takt 53 (mit seinem geheimnisvollen, in alle Richtungen offenen H-Dur-Septakkord) spielte, bimmelte im Parkett von Block A/B der Düsseldorfer Tonhalle ein Handy. Penetrant. Vier Wiederholungen. Moderner Klingelton. Der Angerufene war offenbar überrascht. Er suchte, bis er das Teil tief im Jackett oder im Täschchen und dann den Knopf zum Ausschalten fand. Er versank vor Scham unsichtbar unter dem Sitz, deshalb konnte das Publikum die Lynchjustiz nicht vollstrecken. Er? Es kann auch eine Dame gewesen sein.

Die Frage ist nicht, wie das passieren konnte. Eher möchte man wissen, warum es sich dauernd wiederholt — bei Mozart, bei Chopin, bei Verdi, bei Wagner, bei Schumann, bei Strauss, bei Bach. In jedem zweiten Konzert und bei fast jeder Opernpremiere, die der Rezensent besucht, klingelt ein Handy. Ein Lerneffekt ist nicht festzustellen. Es ist eine Seuche — und zwar eine mit interessanter Epidemiologie. In manchen Sälen und Philharmonien bimmelt es nämlich nie.

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Wieso nicht? In vielen Opernhäusern oder Konzertsälen wird vor Beginn der Veranstaltung per Schild, digitaler Einblendung auf der Übertitelungsanlage oder per Lautsprecher gebeten: "Bitte schalten Sie Ihr Handy aus!" In Salzburg tönt es auf Englisch: "Please make sure that your mobile phone is switched off!" Wer sein Handy noch nicht auf lautlos geschaltet hat, der tut es in der Regel jetzt. Wo dieser höfliche Hinweis aber unterbleibt, da bimmelt es. Garantiert.

Wenn der Hinweis im Programmheft gedruckt steht, bringt es nichts. Deshalb bimmelt es in der Düsseldorfer Tonhalle ja auch dauernd. Es gibt keine Hinweise, keine Warnungen. Nur wenn Intendant Michael Becker in seiner Moderation persönlich sagt: "Es wäre schön, wenn Sie Ihr Handdy erst nach dem Konzert wieder einschalten!" — dann reagieren die Leute im Saal. Sonst leider nicht.

Das Bimmeln hat nichts mit mangelnder Ehrfurcht zu tun, es ereignet sich ja auch bei den Bayreuther Festspielen, wo jeder Besucher imaginär einen Talar trägt, eine Büßermütze und einen Pilgerstab. Es ist auch kein halbkriminelles Manöver eines Klassenkaspers, der partout auffallen möchte. Dass ein Handy mitten im Konzert bimmelt, ist Ausdruck purer Vergesslichkeit. Und der Gleichgültigkeit. Und der Gewöhnung.

Das Kuriose ist ja, dass bei einem bimmelnden Handy im Konzert zwei Phänomene interferieren. Zum einen haben sich zumal viele Ältere noch kaum daran gewöhnt, dass sie zum Telefonieren nicht nach Hause oder ins Büro fahren müssen, sondern dass sie — sofern die Kiste eingeschaltet und der Akku nicht leer ist — fortwährend erreichbar sind. Sie vergessen einfach, dass sie ein eingeschaltetes Handy bei sich tragen; sie vergessen auch, wie man es deaktiviert, stummschaltet, lahmlegt. Zum anderen pflegen manche Leute nicht davon auszugehen, dass sie abends angerufen werden, noch zumal auf einer Nummer, die sowieso nur Tochter, Sohn und die Enkel kennen. Die melden sich aber genau in diesem Moment.

Und warum? Weil sie zuvor von ebendiesem Handy angerufen wurden. Jawohl, viele Anrufe auf einem Handy sind Rückrufe. Wie das? Opa ist mitten im Konzert zufällig auf eine Kurzwahltaste gekommen (die Tastensperre war nicht eingerastet) und hat ein Gespräch ausgelöst. Am anderen Ende meldete sich jemand, der hörte aber nur Musik und keinen, der spricht. Auf dem Display steht: "Opa, Handy". Der wider Willen angerufene Enkel ist irritiert: Ist was mit Opa? Warum ruft der an, meldet sich dann aber nicht? Der Enkel ruft direkt besorgt zurück. Und bei Opa im Konzert bimmelt es. Deshalb sollte die Mordlust nicht in Taten umgesetzt werden. Opa hat das Handy vergessen, das er in der Tasche trug. Das ist ihm vor einiger Zeit auch in der Kirche passiert, während der Kommunion. Herr, erbarme dich seiner!

Jüngere sind daumenflinker als die Älteren, sie schalten ihr Handy im Konzert fast immer aus. Anders ist es in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im ICE bimmelt dauernd irgendwo ein Telefon, und man darf aus dem Gespräch erfahren, dass die Nudeln schon auf kleiner Flamme im Kochtopf sind und der Anrufer soeben die Vinaigrette für den Salat anrührt — wann der Schatz denn komme? Schatz will aber, einmal digital eingefangen, gern plaudern, und sein Großraumabteil hört mit. Das ist seuchentypologisch die Pest, welche das sofortige Handeln der Umsitzenden erzwingt, sofern das Gelaber mehr als eine Minute dauert. Ich missbillige ausdrücklich die Laschheit sogenannter Zugchefs, die armen Omis, welche die falsche Karte gelöst haben, Strafzuschläge bis zum Gehtnichtmehr aufdonnern, aber bei terroristischen Handy-Telefonierern selbst in ausgeschilderten Ruheabteilen ein offenbar blindes Auge und zwei taube Ohren zudrücken.

Das unerwünscht und fortwährend bimmelnde Handy ist ein Zeichen unserer Zeit: Es spiegelt unsere Mobilitätsgarantie und unseren Erreichbarkeitsfluch. Wie atemlos nämlich viele Menschen werden, wenn ihr Handy ausgeschaltet sein muss, erleben wir im Flugzeug. Der gelandete Aeroplan hat längst nicht die endgültige Parkposition erreicht, da fingert eine halbe Kabine schon an ihren Knochen herum. Die Flugbegleiterinnen haben es längst aufgegeben, auf Auswirkungen auf die Bordelektronik hinzuweisen. Sie überhört sowieso jeder.

Immer erreichbar. Wer's braucht, der braucht's wohl. Aber bitte: Nicht in der Kirche! Und nicht im ICE! Und nie mehr in Konzert oder Oper!

(RP)